Folge 16 – Aus der eigenen Krise zum EX-IN-Genesungsbegleiter

Shownotes

Wer eine psychische Krise selbst erlebt hat, kennt Ängste und Hoffnungen, die sich von außen nur schwer nachvollziehen lassen. Genau dieses Erfahrungswissen macht EX-IN-Genesungsbegleitung zu einer wertvollen Ergänzung in der psychiatrischen Versorgung.

In dieser Folge spricht Moderator Daniel Schwingenheuer mit Jens Jüttner, Peer-Begleiter und EX-IN-Genesungsbegleiter am LVR-Klinikum Düsseldorf. Jens erzählt offen von seiner Erkrankung an paranoider Schizophrenie, seinem persönlichen Recovery-Weg und davon, wie aus der eigenen Krisenerfahrung eine neue berufliche Aufgabe entstanden ist.

Er erklärt, wie Genesungsbegleitende Patient*innen auf Augenhöhe unterstützen, Hoffnung vermitteln und neue Perspektiven in multiprofessionelle Teams einbringen. Dabei geht er unter anderem darauf ein:

  • Was EX-IN bedeutet und wie die Qualifizierung zur Genesungsbegleitung aufgebaut ist
  • Wie persönliche Krisenerfahrungen zu hilfreichem Erfahrungswissen werden können
  • Warum Recovery kein einzelner Moment, sondern ein individueller und lebenslanger Prozess ist
  • Welche Rolle Genesungsbegleitende in multiprofessionellen Behandlungsteams übernehmen
  • Warum Offenheit und Aufklärung helfen, Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen abzubauen

Ein persönliches Gespräch über Akzeptanz, Selbstbestimmung und die Kraft, die entstehen kann, wenn Menschen ihre Erfahrungen teilen und anderen damit Mut machen.

Für alle, die mehr über EX-IN-Genesungsbegleitung erfahren möchten, sich für Recovery und Peer-Arbeit interessieren oder verstehen wollen, wie gelebte Erfahrung die psychiatrische Versorgung bereichern kann. Jetzt reinhören!

**Triggerwarnung: **In diesem Podcast sprechen wir über psychische Erkrankungen. Wenn dich diese Themen belasten könnten, höre bitte achtsam zu und hol dir professionelle Unterstützung, wenn du sie brauchst.

**Tipp: **Neue Folgen erscheinen jeden zweiten Dienstag im Monat. Jetzt abonnieren – und keine Folge verpassen! Weitere Infos: www.sinnvoll.lvr.de

Du hast Feedback, Fragen oder Anregungen zu unserem Podcast? Dann schreib uns gerne unter seelenarbeit@lvr.de

Transkript anzeigen

00:00:00: Genesung ist nicht ein Moment der Heilung.

00:00:05: Von dem Moment an ist man auf einmal gesund und hat dann vielleicht nie wieder Probleme in seinem Leben, das gibt es nicht.

00:00:12: aber Recovery ist ein Prozess, der ein Leben lang wahrscheinlich dauert oder auch dauern darf und wo's auch okay ist ja?

00:00:22: Wo man einfach ständig an sich arbeitet und ständig dafür sorgt dass es einem besser geht.

00:00:29: Willkommen bei Seelenarbeit dem Psychiatrie Podcast aus dem LVR-Klinikverbund.

00:00:34: Echte Geschichten, ehrliche Einblicke von Menschen die mit Herz in der Psychiatie arbeiten!

00:00:39: Unser Ziel Vorurteile abbauen, Einblicken geben und den Menschen hinter dem Beruf sichtbar machen Denn Seelenarbeit beginnt mit echten Geschichten Und hier erzählen wir sie.

00:00:56: Es gibt Wege im Leben, die können wir nur selbst gehen.

00:00:58: Einige davon sind steinig, steil und ziemlich unbefestigt aber es wird in dem Moment ein Stückchen einfacher wenn jemand an unserer Seite geht der den Weg schon kennt weil er ihn selbst einmal gegangen ist.

00:01:09: Und damit geht ein herzliches Willkommen raus an euch.

00:01:12: Folge sechzehn von Seelenarbeit.

00:01:14: Wir sprechen heute über einen Thema das ich unglaublich spannend finde Ex-In-Genesungsbegleitung Also darüber wie wichtig es ist dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung auch von Menschen begleitet werden, die ebenfalls unter der Erkrankung leiden oder litten.

00:01:31: Die aber ihre Balance im Leben wiedergefunden haben also im Grunde einfach ein bisschen Vorsprungen haben.

00:01:36: Es geht heute um die Bedeutung eigener Krisenerfahrung in der psychiatrischen Versorgung und darum wie Betroffene als qualifizierte Begleiter Hoffnung Verständnis und auch neue Perspektiven auch für das Behandlungsteam einbringen können.

00:01:52: Ich bin Daniel Schwenger, euer Host und derjenige dem ich heute ganz viele Fragen stellen darf und der uns Infos aus erster Hand mitgebracht hat ist Jens Jütner, Peer-Begleiter und Ex-Inn Genesungsbegleiter am LVR Klinikum Düsseldorf.

00:02:07: Jens herzlich willkommen hier bei Seelenarbeit!

00:02:10: Ja schön dass ich dabei sein kann.

00:02:12: danke für die Einladung.

00:02:13: freut mich

00:02:14: Jens, wir werden heute über sehr sensible Themen sprechen.

00:02:17: Deswegen möchte ich kurz zu Beginn eine Trigger-Warnung loswerden.

00:02:21: es geht hier in dieser Folge um psychische Erkrankungen.

00:02:23: deswegen die Bitte an euch wenn euch solche Inhalte emotional belasten dann hört nur weiter zu wenn ihr euch aktuell stabil fühlt oder gemeinsam mit einer Vertrauensperson und zögert auch nicht professionelle Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

00:02:37: Jens, natürlich ist mir ein Anliegen, dass all diejenigen, die jetzt gerade zuhören, dass es denen gut geht.

00:02:42: Aber natürlich ist mehr auch ein An Liegen, das es dir gut geht!

00:02:45: Du bist als Genesungsbegleiter natürlich häufig mit der eigenen Geschichte und der eigenen Krankheit konfrontiert.

00:02:51: Gibt es da noch gute- und schlechte Tage um darüber zu sprechen?

00:02:54: Und wie geht's dir heute?

00:02:56: Also ich glaube, wie bei jedem anderen Menschen auch habe ich gute-und schlechte Tag in meinem Leben... Das ist auch glaube ich unabhängig von der Diagnose.

00:03:05: also das wird auch immer so sein Und es ... bei der Arbeit, ich glaub mittlerweile über meine eigene Erkrankung in der Erinnerung zu reden.

00:03:17: Das macht mir eigentlich gar nichts mehr aus!

00:03:20: Das löst bei mir eigentlich kaum noch irgendwelche unangenehme Erinnerungen aus, das ist weit weg.

00:03:28: Ich sag mal so seit zwei tausend vierzehn liegt die Krankheit eigentlich hinter mir.

00:03:33: und ja Ne, das ruft bei mir keine unangenehme Erinnerung mehr hervor.

00:03:41: Das ist gut zu hören und dann können wir richtig rein starten und gucken uns erstmal ganz kurz seinen Lebenslauf an.

00:03:45: Jens Gütter hat in Düsseldorf geboren, hat Rechtswissenschaften in Köln studiert einen Master of Accounting and Taxation an der Mannheim Business School gemacht.

00:03:57: Während des Referendariats beim Landgericht Düsseldov bist du dann an Paranoida schizophrenie erkrankt.

00:04:03: Diese Krankheit hat dich rund ein Jahrzehnt begleitet, in dem du auch als Rechtsanwalt gearbeitet hast.

00:04:09: Wenn ich mich erkälte, dann merke ich irgendwann meine Halskratz, meine Nase ist zu... Ich bin matt und krank!

00:04:14: Aber wie ist das bei Paranoidenschizophrenie?

00:04:18: Nehmt es mal mit zu dem Moment wo du gedacht hast, da stimmt doch was nicht.

00:04:24: Das Problem der Paranoidschizophrenie oder bei der Psychose vielmehr, die ja dann der Zustand ist indem man bei der Schizophrenie reinrutscht dass das sehr schleichend geht.

00:04:36: Also es gibt meistens eine lange Protomalfase, wo so ganz unspezifische Symptome auftauchen wie sozialer Rückzug ja vielleicht Leistungsabfall in der Schule oder im Studium sowas Konzentrationsschwierigkeiten innere Unruhe solche Dinge die sehr unspezifik sind und irgendwann wenn man dann weiter in der Psychose, in einen Wahn abrutscht.

00:05:06: Irgendwann ist der Zug dann abgefahren und dann hält man das was da an Warnvorstellungen kommt für Realität.

00:05:12: Und ähm... Dann ist natürlich auch Krankheitseinsicht sehr schwierig weil die Mikrofonen und die Kameras sind für einen selbst ja dann real.

00:05:21: Die sind da!

00:05:21: Das liegt nicht an meiner Psyche dass ich irgendwie krank bin sondern es meine Umwelt die jetzt tatsächlich so ist.

00:05:29: Und deshalb ist Krankheitseinsicht gerade bei Psychosen, Schizophrenie oder schiedsoaffektiver Störung die da zugrunde liegen kann ein ganz schwieriges Thema.

00:05:41: Und wann hast du denn für dich realisiert das es nicht real was du da wahrnimmst?

00:05:46: Das habe ich eigentlich erst in der Klinik realisiert nachdem ich Medikamente bekommen habe als ich irgendwann... Es hat sich ja langsam aufgebaut.

00:05:54: aber erst als ich dann von einer Psychatorin, eine Roleptiker bekommen habe unter Medikamenten gebe.

00:06:05: Da ist dieser Warn dann von mir abgefallen.

00:06:08: das war wirklich so ein Moment in dem ihr bewusst wurde hast du die nur eingebildet aber ohne Medikamente weiß ich nicht wie lange es dann noch gedauert hätte.

00:06:20: was macht das mit einem wenn man das plötzlich realisiert dass all das was man da wahrgenommen hat plötzlich sich Luft auflöst?

00:06:27: Stattdessen ist da so eine Krankheit?

00:06:30: Das ist eine tiefe Verunsicherung.

00:06:33: Also das macht Angst, man hat Zukunftsängste und weiß nicht wie es weitergehen soll.

00:06:39: Und bei mir hat ja wirklich dann auch diese Warnvorstellung, diese Krankheit hat mich ja wirklich ein oder anderthalb Jahre in meinem Leben zentral beschäftigt.

00:06:49: Das war handlungsleitend.

00:06:50: also ich habe mich nur darum gedreht.

00:06:56: Das ist dann erst mal erschütternd.

00:07:00: Konntest du in der Zeit denn ganz normal weiterarbeiten?

00:07:03: Ähm, das war ... Die Psychose war noch bevor ich als Rechtsanwalt angefangen habe zu arbeiten.

00:07:11: Das war im Referendariat und ähm... Als die Psychose- Ich hatte mein zweites Staatsexamen dann schon geschrieben, als die Psychoso sich richtig manifestiert hat.

00:07:20: vorher waren mehr so Vorlaufphasen während des Referendariats.

00:07:24: Und danach dem zweiten Staatsexam hab ich dann an einer Doktorarbeit geschrieben und während dieser Doktorbeit eigentlich bin ich dann immer weiter abgerutscht.

00:07:33: Ich habe dann auch irgendwann über Monate nichts mit meiner Doktor Arbeit gemacht, da war ich nicht mehr zu in der Lage.

00:07:39: Da haben mich die anderen Dinge, die Warninhalte interessiert – die Kameras, die Mikrofone von denen ich dachte, dass sie in meiner Wohnung installiert sind.

00:07:49: Die Doktor-Arbeit ist dann völlig in den Hintergrund gedreht.

00:07:53: Wo war der Punkt?

00:07:54: Also wenn du in die Klinik gekommen bist ... Gab es andere Leute, die gesagt haben wir müssen das jetzt machen.

00:08:00: Du musst in diese klinik gehen.

00:08:02: Es ist mein eltern und meiner damaligen freundin ist schon aufgefallen dass es mir nicht gut ging.

00:08:09: Ich habe die nicht in meinen wahren eingeweiht hat niemanden darüber gesprochen was ich mir alles eingebildet habe da in der psychose?

00:08:17: Aber die haben trotzdem gemerkt dass es mich nicht gut geht.

00:08:21: und schon seit monaten und dann haben Die mir halt empfohlen, Jens geht doch mal zu einem Psychiater oder einer Psychotherapeutin und da ist das dann alles aus mir herausgebrochen.

00:08:34: Weil der Psychiatorin habe ich denn darüber gesprochen und die hat mir dann entsprechend die Medikamente verschrieben und kurz danach bin ich dann auch in die Klinik gekommen.

00:08:43: Kannst du dir erklären warum du mit deinen engsten Angehörigen darüber nicht gesprochen hast?

00:08:47: Weil wenn das für dich real war, dann gab es ja eigentlich keinen Grund das nicht zu teilen.

00:08:53: Das ist sehr schwierig.

00:08:55: Ja, das kann ich mir auch nicht so richtig erklären weil in meiner Vorstellung ja sehr viele Menschen das gesehen gehört haben was da aufgenommen wurde in meiner Wohnung und ich warum... Ich glaube letztendlich klang es für mich obwohl ich sicher war dass es real ist doch noch etwas unglaubwürdig Und ich habe immer noch nach Beweisen gesucht.

00:09:25: Ich wollte immer irgendwie noch hieb und stichfest beweise dafür haben, dass es tatsächlich so ist... ...und hatte vielleicht Angst, dass man mir nicht glaubt oder so.

00:09:35: Es ist in der Psychose ergibt vieles einfach keinen Sinn was man tut und was man denkt.

00:09:41: Das ist einfach warum ich dann... ich weiß es nicht.

00:09:45: Zumindest rückwirkend ne?

00:09:47: In dem

00:09:47: Moment macht alles Sinn.

00:09:49: ja!

00:09:49: In dem moment gab es da Gründe für Ja

00:09:53: Was für dich eine Erleichterung, hinterzuhören.

00:09:54: Das ist ne Krankheit oder was ne Belastrauch?

00:09:57: Beides!

00:09:58: Also beides... Es war natürlich erstmal eine große Erleicherung insofern als das, was ich da an riesen Skandal und sonstigen gedacht hatte, was sich ausgelöst hätte zu wissen, dass war nicht real Und eigentlich hat keiner irgendwas davon mitbekommen, was Ich mir eingebildet habe außer ich selbst.

00:10:19: Das habe ich alles mit mir in meiner Wohnung alleine ausgemacht.

00:10:23: Das wovon ich geglaubt habe, dass es in der Umwelt auch stattfindet hat nie stattgefunden.

00:10:28: Das ist erstmal eine Erleichterung.

00:10:29: Theoretisch hätte ich also jetzt einfach ganz normal weitermachen können.

00:10:33: nur da war halt diese tiefe Verunsicherung in mir die glaube ich sich einstellt wenn man so lange seinem eigenen Verstand und seine eigene Wahrnehmung Nicht trauen konnte oder von der so getäuscht wurde, dass man denkt kommt das jetzt wieder?

00:10:53: Oder wie geht es weiter?

00:10:55: außerdem hatte ich dann ja auch Jetzt in der doktorbeit nicht weiter gemacht.

00:11:00: Das zweitstaatsexamen lag eine ganze weile hinter mir und ich hatte irgendwie auch Angst jetzt, ja anderthalb Jahre fast Lücke im Lebenslauf.

00:11:08: Wie geht es weiter?

00:11:10: Hast du jetzt deine Karriere verbaut?

00:11:13: Wie erklärst du das in Vorstellungsgesprächen und wollte da möglichst schnell dann auch wieder irgendwie anknüpfen?

00:11:19: Dann ist das glaube ich ein guter Punkt um mit deinem Lebenslauf weiterzumachen und zu schauen wie du denn letztendlich zum Genesungsbegleiter geworden bist.

00:11:26: Und wir werden dann auch sehen dass sich halt eben durch diese Erkrankung dein ganzes berufliches Leben in eine andere Richtung gedreht hat.

00:11:35: Das war das Jahr für deinen Neustart.

00:11:38: Du hast aufgehört als Rechtsanwalt zu arbeiten, du hast dich erst mal auf Dich fokussiert in der Zeit.

00:11:44: Hast du einen Job als Bademeister angenommen?

00:11:46: Hast immer mehr Texte geschrieben.

00:11:48: Sechzehn, zwei tausendsechzehnten, siebzehn dann.

00:11:50: Ah, sechzehin erst!

00:11:51: Okay ja, das war der Beginn, zweitausendvierzehnte dieser Selbstfindungsphase nenne ich es einfach mal.

00:11:55: ist das richtig?

00:11:56: Zweitausend

00:11:57: vierzehn also.

00:11:58: ich habe zwei Tausend sieben mein zweites Staatsexamen gemacht und dann war diese Psychose Und dann habe ich ja sechs, sieben Jahre als Rechtsanwalt gearbeitet.

00:12:08: War nur die ganze Zeit eigentlich nicht von Warnvorstellungen vom Psychosen begleitet aber von schweren Depressionen.

00:12:16: Von der sogenannten Negativsymptomatik und hat mich mehr durch das Berufsleben als Anwalt gequält.

00:12:22: Ich hab da zu einer großen Kanzlei gearbeitet Aber für mich war Die Arbeit sehr anstrengend.

00:12:30: Ich bin da sehr ungern hingegangen wenig Freude in der Freizeit, wenig Ausgleich, wenig Lebensqualität.

00:12:38: Ich war einfach latent immer depressiv und das wird dann auch immer schlimmer.

00:12:43: Und dann habe ich tatsächlich im Jahr zwei tausend dreizehn vierzehn den Job an den Nagel gehängt und bin dann nochmal wieder eine Psychose abgerutscht so dass sich da noch mal in der Klinik war wo dann nochmal die Medikamente etwas umgestellt wurden.

00:13:02: Ich war entlastet, weil ich nicht mehr den Job als Rechtsanwalt hatte.

00:13:06: Diesen Stress!

00:13:07: Ich hatte eine neue Medikation die mir besser tat und dann bin ich quasi aus diesem Tal aus der letzten Psychose-Zweißen-Vierzehnte gestärkt hervorgegangen und habe mich neu orientiert.

00:13:17: War aber erst mal befristet in Erwerbsminderungsrente und hab dann zwei Jahre erstmal gebraucht um mich zu erholen.

00:13:27: Und dann kam dieser Job als Bademeister genau.

00:13:32: War das die Zeit, diese zwei Jahre in der du auch darüber nachgedacht hast dein Buch zu schreiben als ich aus der zeit viel mit deiner geschichte oder kam da später?

00:13:39: Das

00:13:39: kam viel später.

00:13:40: Zwei tausend vierzehn war ich einfach dann erst mal froh dass der stress vorbei war.

00:13:48: Ich wollte nichts eigentlich gar nichts mehr mit psychiatrie und mit kranken auszutun haben.

00:13:52: Ja, ich war froh, dass das hinter mir lag.

00:13:55: ich fühlte mich gesund einigermaßen zumindest wieder.

00:13:58: So ganz schnell geht das nicht.

00:13:59: Das schüttelt man nicht so eben aus den Kleidern, wenn man solange krank war.

00:14:02: aber ich war auf einem guten Weg.

00:14:05: Ich hatte massiv zugenommen durch die Medikamente und wollte auch dann erst mal wieder fit werden War am Anfang viel spazieren, walken Und habe wieder versucht so das Leben neu für mich zu entdecken wieder auch Spaß an Dingen zu haben.

00:14:22: Und irgendwann auf diesem Weg bin ich da im Schwimmbad gelandet.

00:14:25: Erst als Besucher Hab da Kurse mitgemacht, Aquajogging, Cycling, Spinning und sonst was.

00:14:32: Und war da gerne bestimmt ein anderthalb Jahre als Stammgast und hab dann irgendwann gesehen durch Zufall dass die eine Aushilfe suchen und mir gedacht ja wenn du fast täglich hier bist und alle magst so dann kannst du

00:14:48: auch hier arbeiten

00:14:50: Ja, und du kannst auch die Aufsichten machen.

00:14:52: Und dann habe ich selber später quasi dann die Kurse auch geleitet, die ich vorher mitgemacht habe und Schwimmkurse gegeben, Anfängerkurse für Erwachsene, für Kinder und so... Das war eine schöne Zeit!

00:15:02: Aber ich war froh dass ich in einem Umfeld war, in einem jungen sportlichen Umfeld, junge Kollegen wo ich mich gesund gefühlt hab, wo Krankheit ganz weit weg war Und ich hatte auch nicht das Bedürfnis, irgendwie nochmal wieder in eine Psychiatrie zu gehen oder mich mit der Thematik noch zu beschäftigen.

00:15:22: Das war weit weg!

00:15:23: Dann bin ich jetzt gespannt auf den Punkt an dem sich das verändert hat?

00:15:28: Das waren eigentlich zwei Dinge... Also ich bin ja Autor und ich habe auch andere Texte geschrieben.

00:15:36: Viel Science Fiction sowas, Fiktionales auch.

00:15:40: Und dann hatte ich in irgendeinem Podcast Ein kleiner Podcast erwähnt, dass ich eine Geschichte, die ich veröffentlicht hatte in einer Psychose geschrieben hatte.

00:15:51: Ich hatte damals schon geschrieben und dann kamen Reaktionen von Autorenkollegen über Social Media, die da meinten Mensch Jens du hast ne Psychose erlebt?

00:16:01: Da musst Du doch drüber schreiben das ist ein Thema!

00:16:03: Du bist Autor schreib doch über solche Erfahrungen Das wird doch mal interessant sein.

00:16:07: Dann dachte ich erst weiß ich nicht soll ich das wirklich machen?

00:16:11: und er meinte kurz danach auch noch meine Meine Ex-Frau, du Jens hier in Science Fiction.

00:16:17: Da habe ich unangenehme Erinnerungen dran.

00:16:20: aber ich finde Du könntest mal guten Buch über Psychose und Schizophrenie schreiben weil Du kannst es immer so schön erklären wie das damals war.

00:16:27: Und dann dachte meine Güte wenn alle sagen oder nicht?

00:16:31: Aber wenn viele sagen Dann setz ich mich jetzt mal hin und schreibe einfach alles auf was ich so weiß ja da hab Ich in drei Monaten dass Manuskript drunter geschrieben Habt dann auch schnell einen Verlag gefunden.

00:16:42: und dann dachte ich Ja, der wollte das veröffentlichen.

00:16:45: Dann kam Lektorat und Korrektorat.

00:16:48: Und dann dachte ich okay immer noch du bist Bademeister?

00:16:52: Dann gibt es jetzt dieses Buch und wer will kann das lesen aber das wird dein Leben nicht verändern!

00:16:58: Und dann war das Buch auf dem Markt.

00:17:01: und gleichzeitig begann Corona zu Düsseldorfer Psychiatrie gesprochen, ins SPZ in DüsselDorf und die Leute interessierten sich für das Buch und wollten mehr darüber wissen.

00:17:15: Und so bin ich dann wieder in diese Psychiatrieschiene reingekommen.

00:17:18: Ja?

00:17:19: Und weil Corona war, war ja auch Lockdown, die Schwimmbäder waren lange zu... Ich war im SPZ Da gemerkt, Mensch eigentlich interessant was die hier für Arbeit machen.

00:17:29: dann habe ich Leute getroffen.

00:17:31: Die waren Genesungsbegleiter.

00:17:33: wusste ich natürlich vorher auch nicht was das ist.

00:17:35: Hante man so nicht war ja noch ganz neu.

00:17:37: zu meiner Zeit als ich in der Klinik war gab es das noch nicht.

00:17:41: und Dann habe Ich die gefragt und die meinten Ja Es gibt einen kurs ein ex-Inkurs Der dauert ein Jahr zum Beispiel Hier in Neuss oder in Düsseldorf an der VHS oder bei der Sankt Augustinos Gruppe.

00:17:51: Kann Man Das Machen.

00:17:53: Und dann dachte ich mir, was jetzt eh nichts zu tun.

00:17:56: Arbeit ist im Moment wegen Lockdown nicht möglich und dann habe ich diesen Kurs gemacht.

00:18:01: Jetzt arbeite ich seit fünf Jahren im SPZ vom Gesundheitsamt und in der LVR-Klinik als Genisungsbegleiter.

00:18:09: Wahnsinnig spannend!

00:18:10: Und als solcher bist du heute hier in diesem Podcast und damit das Intro letztendlich Nicht länger als eigentlich im Podcast.

00:18:18: Machen wir mal schnell weiter mit unserer Schnellfragerunde, deine Aufgabe ist es jetzt so schnell wie möglich auf drei Fragen zu antworten und so kurz wie möglich.

00:18:27: also das sind die beiden Bedingungen.

00:18:29: Die erste Frage wäre fühlst du dich bereit?

00:18:32: Ich ja!

00:18:33: Also das war nicht die Frage aber okay drei Worte die dich als Kollegen beschreiben.

00:18:43: Sympathisch authentisch offen.

00:18:52: Zweite Frage.

00:18:52: Was darf an einem guten Arbeitstag nicht fehlen?

00:18:59: Humor, dass man belacht hat!

00:19:02: Und die dritte Frage – wenn du Ex-In in einem Wort beschreiben müsstest, welches wäre es?

00:19:10: Verständnis

00:19:13: Genesungsbegleitung, also bevor ich von dir und deiner Geschichte gehört habe war mir nicht bewusst dass es das gibt.

00:19:19: Und gleichzeitig klingt es einfach so logisch dieses ganze Konzept.

00:19:23: Es gibt in allen Kliniken des LVR-Klinikverbundes inzwischen knapp sechzig Genesung begleitende.

00:19:28: der LVr hat da vor einigen Jahren schon einen Klinikum übergreifendes Rahmenkonzept zur Implementierung von genesungs Begleitung entwickelt.

00:19:37: Lasst uns einfach mal mit diesem Wort begehen in ExInGenesungsBegleitung.

00:19:41: was?

00:19:42: Heißt das genau?

00:19:45: Also XIN steht für Experience Involvement, also Erfahrung Einbeziehen.

00:19:52: Erfahrungswissen in die Behandlung einbeziehen.

00:19:55: und dieses XIN geht zurück auf eine europäische Initiative dass man ja also ich fange mal so an Pierberatung, den Oberbegriff Pirberatungsberatungen von Menschen mit Psychiatrieerfahrung.

00:20:13: Das gibt's schon länger.

00:20:14: Das gibts schon seit den Achtziger Jahren eigentlich in England und auf europäischer Ebene wollte man das dann auch umsetzen und hat sich dann dieses Experience in Wolfen, dieses Ex-In-Programm überlegt wo man eine Ausbildung ins Leben gerufen hat wie man Menschen mit Psychiatrieerfahrung schulen kann, damit die dann später in der Psychiatri oder Sozialpsychiatrie in ambulanten Einrichtungen mit den Betroffenen arbeiten können und hat so einen gemeinsamen Korrikulum entwickelt für Exinkurse.

00:20:51: Und am Ende dieses Exinkurses, der ein Jahr dauert – das sind zwölf Module – jeden Monat ein anderes Modul kriegt man dann ein Zertifikat und dann ist man zertifizierter Ex-In-Genesungsbegleiter.

00:21:07: Und zum Beispiel, die LVR-Klinik stellt einen dann ein als Genesungsbeleiter wenn man so eine Zertifikat hat.

00:21:17: Inhaltlich gibt es da Unterschiede zur Peerberatung?

00:21:20: Oder ist das prinzipiell das gleiche nur dass es aus verschiedenen Regionen kommt?

00:21:25: Peer Beratung ist vielleicht der Oberbegriff.

00:21:27: also Peer beratungen heißt einfach nur dass jemand Berät, der selber Erfahrung hat als Vorbild, Peer wie Vorbild und Ex-In ist dann tatsächlich dieser Kurs mit diesem Zertifikat.

00:21:41: Das ist ein bisschen verschulter Weg um Genesungsbegleiter zu wählen.

00:21:46: Wie war das für dich?

00:21:47: Also damit angefangen hast du schnell gemerkt ja dass es genau das Richtige.

00:21:51: danach habe ich irgendwie auch gesucht.

00:21:55: Als ich dahin gefahren bin zum Kurs da dachte ich so Mensch!

00:22:00: Ich war auf dem Weg.

00:22:01: Was ist da jetzt drauf eingelassen?

00:22:06: Ich war voller Vorurteile, wo ich eigentlich immer versuche die abzubauen.

00:22:12: Jetzt kommst du dahin mit sechzehn oder zwanzig psychisch kranken, die da in einem Kurs sitzen und über Probleme reden.

00:22:24: Ich war zwar neugierig aber ich hatte auch keine zu hohen Erwartungen.

00:22:28: irgendwie dachte ich so.

00:22:30: Und dann war ich sehr positiv überrascht an diesem ersten Tag dass da gab es dann das waren so acht Stunden, die man zusammen war, wo es auch viel darum ging erst mal dass jeder sich vorstellte und die Lebensgeschichte so wie ich das gerade in der Einleitung und jeder auch von sich erzählt.

00:22:49: Und das fand ich wahnsinnig spannend.

00:22:51: da habe ich so viele interessante sehr reflektierte sehr sehr sehr kluge Leute getroffen.

00:23:01: und schon da hab ich gemerkt Mensch ich habe ich habe wahnsinn nicht viel gelernt allein an diesem einen ersten Tag von den anderen.

00:23:08: Weil darum geht es ja, Erfahrungswissen voneinander und miteinander lernen.

00:23:12: Das eigene Erfahrungs-Wissen nutzbar machen und dann von dem ich wissen zum wir wissen wie man so schön sagt Gemeinsamkeiten finden.

00:23:22: Ja Wer kann das denn eigentlich machen?

00:23:25: Gibt es da Voraussetzung?

00:23:27: muss man Ich nenne es jetzt einfach mal als Laie, muss man über einen gewissen Zeitraum einfach stabil sein oder keine Psychosen mehr haben.

00:23:37: Gibt's da also formale Kriterien?

00:23:39: Oder wie ist das?

00:23:41: Also grundsätzlich formale kriterien gibt es nicht.

00:23:46: Voraussetzung ist dass man selber eine psychische Erkrankheit erlebt hat und zwar egal welche Und man wird dann zu einem Vorstellungsgespräch gebeten, wo sich dann die Kursleiter ein Bild von der Person machen.

00:24:04: Also man schreibt eine Bewerbung über seinen Hintergrund und wird dann erst mal befragt und dann gibt es so einen Probelauf für vier Stunden, wo weiter getestet wird und die KURSLEITER dann versuchen einzuschätzen wie belastbar jemand ist oder auch eher ... ob er stabil ist, dass das wird dann auch in den Fragen erklärt.

00:24:28: In den Interviews klar man muss eine gewisse Grundstabilität mitbringen und die würden jetzt niemanden sage ich mal den Kurs machen lassen wo sie glauben der ist überfordert damit weil da hat er ja dann auch nichts von.

00:24:42: wenn er dann am Ende scheitert dann wäre es ja kontraproduktiv oder das belastet die Person zu sehr.

00:24:49: Das versuchen sie in diesem Vorlauf, in dem Gespräch und im Test schon abzuklären ob jemand das stabil genug dafür ist genau und auch reflektiert genug.

00:25:04: Und ansonsten gibt es immer wesentlich mehr Bewerber als Plätze im Kurs.

00:25:10: da geht's dann aber viel darum.

00:25:13: die Auswahl erfolgt danach dass man versucht heterogene Gruppe dazu bekommen, dass alle Krankheitsbilder in der Gruppe irgendwie abgebildet sind.

00:25:23: Das verschiedene Altersgruppen, verschiedene Geschlechter, das man eine große Bandbreite hat.

00:25:28: also man will da jetzt nicht irgendwie eine Gruppe von zwölf Psychotikern oder nur depressiven oder nur Borderlinersitzen haben sondern soll möglichst gemischt dann am Ende sein.

00:25:41: Jetzt hast du in deinem Leben diese lange Leidensphase gehabt, diese Krankheitsphase.

00:25:46: Dann die Phase wo du versuchst das alles erstmal loszuwerten deine Freiheit wieder zu gewinnen und dann entscheidest du dich dafür doch wieder mit der Psychiatrie irgendwie in Kontakt zu treten.

00:25:57: Und jetzt sitzt du da und man sagt ja du bist so weit Du kannst hier diesen Kurs mitmachen.

00:26:02: Du bist so stabil dass du deine Erfahrung weitergegen kannst.

00:26:04: Was ist es?

00:26:05: Ist ein Gefühl von ich habe es geschafft irgendwie nochmal auf eine ganz andere Atomweise befreiend Oder hast du dir einfach gar keine Gedanken darüber gemacht?

00:26:16: Mir hat dieser Kurs vor allen Dingen auch nochmal viel für meine eigene persönliche Gesundheit gebracht.

00:26:25: Also da teilzunehmen, damit zu machen... Ich bin mir über Vieles dann erst noch mal bewusst geworden und habe da noch einmal viel über mich gelernt.

00:26:34: Und ich glaube der Kurs hat dann nochmal zu meiner eigenen weiteren Genesung und Stabilie Tät beigetragen.

00:26:43: So wird ich es vielleicht sagen.

00:26:46: und ja, jetzt liegt er... Jetzt bin ich auch schon fünf Jahre dabei in der Praxis.

00:26:53: An welchen Punkten würdest du das denn festmachen?

00:26:55: An welchem Punkten hat dir dieser Kurs wirklich was gebracht?

00:26:59: Welche Inhalte war anders?

00:27:00: oder Kontakte oder...?

00:27:01: Also

00:27:03: ich finde ja das ganze Konzept eigentlich wahnsinnig spannend.

00:27:06: also dieser Recovery Ansatz wie man's so schön sagt Das Recovery-Konzept was dahinter steckt.

00:27:12: Also das ganze vieles von dem, was Ex-In ausmacht und was auch dann die einzelnen Module angeht geht zurück auf so Ideen wie Saluto Genese Recovery Ansatz nach Aron Antonowski.

00:27:29: Das sind jetzt aber...

00:27:31: Magst du mal kurz erklären?

00:27:32: Ja ich kann... Was ist recovery?

00:27:34: Es geht bei Saluto genese geht es darum dass man sich darauf konzentriert bei Menschen mit einer Erkrankung oder mit einer psychischen Erkrankung, das man sich auf die gesunden Anteile konzentriert.

00:27:46: Dass man ressourcenorientiert arbeitet.

00:27:49: Der Mediziner hat der Psychiater, der Arzt und auch sonst viele Behandler blicken auf die Symptome.

00:27:58: Das nennt man noch Pathologinese also die Blinken auf die Symptome und versuchen diese ist doch ihre Aufgabe die Symtome zu behandeln Und den Blick da zu verändern und zu sagen, okay wir sehen den Menschen als Ganzes.

00:28:13: Und schauen wo ist denn unabhängig von der Erkrankung?

00:28:16: Und von dem Symptom?

00:28:17: Wo sind die gesunden Anteile?

00:28:19: ja

00:28:20: und wie kann ich mit den gesunden an Teilen arbeiten und dann eine Perspektive entwickeln dass quasi der Mensch wieder mehr Lebensqualität bekommt?

00:28:34: Also ressourcenorientiert mit den gesunden Anteilen arbeiten, eine neue Perspektive aufstoßen eigentlich.

00:28:41: Mit dem Patienten der ja irgendwie dann aus der Zeit fällt oder aus der Spur geworfen wurde vielleicht auch durch ne lange Erkrankung zu schauen wo stehe ich denn jetzt?

00:28:52: und wie kann ich wieder eine neue perspektive entwickeln positiv auf Leben zu schauen?

00:29:01: Ja Recovery ist

00:29:06: das quasi der Weg.

00:29:07: Also recovery bedeutet im Prinzip, dass man einen Recovery-Weg einschlägt.

00:29:15: Dass es ein Prozess ist.

00:29:17: Es ist nicht irgendwie ... Genesung ist nicht ein Moment der Heilung.

00:29:23: Von dem Moment an ist man dann auf einmal gesund und hat vielleicht nie wieder Probleme in seinem Leben?

00:29:30: Das gibt's nicht!

00:29:31: Aber recovery ist ein Prozess der ein Leben lang wahrscheinlich dauert oder auch dauern darf und wo es auch okay ist, ja?

00:29:40: Wo man einfach ständig an sich arbeitet.

00:29:42: Und ständig dafür sorgt dass es einem besser geht.

00:29:46: Wir waren an dem Punkt gelandet weil ich gefragt habe an welchen Punkten An welchen Inhalten du so gemerkt hast das dir das jetzt selbst auch nochmal ganz viel weiter hilft.

00:29:58: War das dann einfach diese ganze Theorie, dahinter noch mal für sich zu verarbeiten?

00:30:02: Weil das war ja vermutlich

00:30:03: auch teilweise

00:30:04: schon Teil deiner ursprünglichen Therapie in der Klinik.

00:30:09: Ja, aber es ist natürlich dann auch nochmal ein neuer Ansatz.

00:30:12: Also diesen Recovery-Ansatz und dieser Lutogenese oder auch Coherenzprinzipi ist egal.

00:30:20: Aber das waren nochmal neue Ansätze wo auch sehr der Patient Punkt gerückt wird und er quasi auch zum aktiven Gestalter seiner eigenen Genesung wird.

00:30:36: Und dann sind auch so Schlagenwörter wie Empowerment, den Menschen dazu befähigen auch selbst seine Heilung in die Hand zu nehmen.

00:30:46: Das fand ich mit mir und meinem Leben abgeglichen und fand das alles sehr logisch.

00:30:56: Da hab ich später dann auch in meinem weiteren Leben von gezerrt, dass ich immer wieder solche Überlegungen angestellt habe.

00:31:05: Du warst einer der ersten Ex-Innenbegleiter am LVR-Klinikum Düsseldorf.

00:31:10: Nimm uns mal mit zu dem Tag wo du da das erste Mal durch die Tür reingegangen bist.

00:31:15: was ist in dir vorgegangen?

00:31:17: Es war schon seltsam weil ich ja selber zehn Jahre zuvor ungefähr auch behandelt worden war.

00:31:27: Und allein schon zu dem Bewerbungsgespräch, ich habe ja erst mal mein Praktik... es gibt ja Pflichtpraktiker im Kurs und ich hab schon mein zweites Praktikum dann in der Klinik gemacht.

00:31:40: Es ist schon die jahren seltsames Gefühl an den Ort zurückzukehren.

00:31:46: Als ich da im Praktikkum auf die Station kam wo ich heute übrigens immer noch arbeite, auf einer offenen Station Schwerpunkt Psychose.

00:31:58: Da habe ich mich vorgestellt und da wusste keiner was mit Genesungsbegleitung anzufangen.

00:32:03: Also das Katte noch keiner gehört.

00:32:06: es gab vorher zwar schon einen Genesung begleiter in Düsseldorf in der LVR-Klinik Der war aber in der Sucht Und das hat war auch nicht lange dauern.

00:32:14: das hatte sich noch nicht rumgesprochen.

00:32:16: dieses Konzept hab einfach ganz mich vorgestellt und habe das erklärt.

00:32:24: Und gesagt, dass ich selber mal krank war.

00:32:26: Dass ich eine Psychose erlebt habe.

00:32:27: Jetzt als Genesungsbegleiter hier mitarbeiten.

00:32:33: Ich wurde da sehr offen empfangen.

00:32:36: Also es hat vielen ... Als ich das so erklärt habe wie jetzt im Interview vielleicht dann saß ich an der Station ob das den Leuten auch erklärt?

00:32:44: Da dachten viele ja vielleicht macht das ja Sinn.

00:32:50: Der weiß ja was über Psychosen.

00:32:51: Warum soll man das nicht nutzen?

00:32:53: Und dann habe ich da angefangen zu arbeiten, aber was jetzt so ein Genesungsbegleiter macht konnte mir keiner sagen auf der Station und ich selber wusste es auch nicht genau.

00:33:06: Das heißt, ich musste mir eigentlich meinen Arbeitsbereich, mein Arbeitsplatz selber da entwerfen.

00:33:14: Was ja auch eine schöne Sache ist wenn man so frei einfach ist und sich überlegen kann, was mache ich denn jetzt eigentlich als Genesungsbegleiter?

00:33:22: Und so nach und nach haben sich dann Dinge herauskristallisiert.

00:33:28: Also es geht ja ganz viel darum Beziehungsarbeit dazu machen also mit den Leuten ins Gespräch zu kommen eine Beziehung aufzubauen.

00:33:39: ob man das beim Tischtennis spielen, beim Rauchen unten vor der Klinik oder Beim Rommikap spielen im Gemeinschaftsraum macht, das ist relativ egal.

00:33:54: Man versucht eine Beziehung aufzubauen mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und da zu sein.

00:33:58: Und dann irgendwann kommt der ein oder andere mal und sagt kann ich mal mit ihnen sprechen?

00:34:08: Ich habe dann auch irgendwann eine Gesprächsgruppe einmal die Woche eingeführt.

00:34:12: Eine offene Gesprächskruppe die ich heute immer noch mache, wo ich die Leute kennenlerne und wo sie mich kennenlernen.

00:34:22: Und es ist eigentlich schön!

00:34:24: Das ist auch so etwas von Ex-In.

00:34:29: Diese Offenheit, diese Vielschichtigkeit – das ist ja auch gewollt.

00:34:34: Jeder Ex-IN Genesungsbegleiter bringt einen ganz anderen Hintergrund mit.

00:34:38: Die einzige Gemeinsamkeit ist die Krankheit, die man irgendwann mal hatte Aber das ist ja von Schulberufsausbildung, Studium sonstigen ganz unterschiedlich.

00:34:49: Und auch die Hobbys, die jeder mit einbringt – die Lebenserfahrung und dann kann sich jeder seinen Weg suchen.

00:34:56: Der eine macht vielleicht eher einen Ansatz mit Musik, musiziert mit den Leuten, versucht da eine Beziehung aufzubauen.

00:35:07: über Sport, über Bewegungen geht natürlich auch viel Und ich als Autor habe dann auch irgendwie eine Gruppe kreatives Schreiben dann gemacht und so ein Schreibworkshop oder so.

00:35:17: Aber da ist man eigentlich sehr frei!

00:35:20: Ja, inwieweit spielt denn bei dieser ganzen Genesungsbegleitung deine persönliche Geschichte eine Rolle?

00:35:29: Also natürlich das eine ist die Beziehung, die aufgebaut wird vielleicht dann auch so Angebote wie Schreibtisch-Stelle spielen um einfach irgendwie vielleicht auch ne Art von Lockereit darin zu bekommen.

00:35:39: Inwieweit ermutigt dass andere Leute wenn du erzählst, was dir passiert ist oder machst du das gar nicht?

00:35:45: Das ist natürlich ein Fund mit dem ich da wuchern kann.

00:35:49: Dass ich als Eisbrecher meine eigene Geschichte, wenn ich in der Gruppe sitze und frage ja sie haben eine Psychose erlebt wie war das denn bei ihnen?

00:36:03: Das sind häufig auch die Leute Erzählen ja nicht direkt einfach frei so von sich heraus, weil das alles ja auch schambehaftet ist.

00:36:10: Ja klar und da hab ich den Vorteil Ich kann dann einfach mal anfangen.

00:36:15: also ich habe ja auch eine psychose erlebt und bei mir war das damals So dass ich irgendwann das gefühl hatte dass alle leute über mich reden oder über mich lachen.

00:36:25: Und dann vielleicht wenn ich irgendwie in der straßenmann sitze und sowas und kennen sie das auch?

00:36:31: Dann sagen die leute ja genau kenne ich auch.

00:36:35: Also da habe ich natürlich schon den Vorteil, dass ich da auf Augenhöhe mit den Leuten sprechen kann.

00:36:42: Weil es sind ja auch schambehaftete Themen und wenn ich von mir aus anfange – ich hab das erlebt, kennen sie das auch – dann ist es natürlich viel einfacher zu sagen Ja so war das bei mir auch als wenn vielleicht in einem anderen Setting, in der Visite zum Beispiel Ist immer ein gewisses Machtgefälle zwischen Behandler, Arzt oder Therapeut und Patient.

00:37:11: Man schämt sich dann vielleicht auch für das und ist dann vielleicht mal eher geneigt irgendwas auszulassen oder nicht darüber zu reden weil man Angst hat und sich schämt.

00:37:23: Und da kann ich natürlich wenn ich eher auf Augenhöhe bin und sage das kenne ich auch dass man zu Hause ist und nicht mehr aus dem Bett kommt, völlig verwahrlosst.

00:37:33: Und die Körperhygiene einreist oder sonst.

00:37:37: was solche Phasen habe ich erlebt.

00:37:40: Dann macht das natürlich Mut und dann traut sich derjenige vielleicht auch zu sagen darauf einzusteigen und zu sagen ja kenne ich auch.

00:37:48: Wir stellen mir das gerade sehr schwierig vor so sensibel In solchen Situationen auf die Menschen einzugehen, musstest du das erst lernen?

00:37:58: oder war es durch deine eigene Erfahrung?

00:38:00: ist man da einfach so sehr auf einer Wellendänge?

00:38:02: Dass es gar kein Thema ist.

00:38:05: Das ist etwas was man vielleicht mit der Zeit lernt.

00:38:13: ich denke mal dass is auch ein Stück weit einfach.

00:38:15: erstmal eine Typfrage Persönlichkeitsfrage.

00:38:17: also der eine hat diese Sensibilität und der andere vielleicht nicht.

00:38:21: Vielleicht haben Menschen die selber mal schwierige Zeiten oder eine Krankheit erlebt haben, sind vielleicht empathischer.

00:38:28: Das kann schon sein.

00:38:30: aber ich denke so wie jeder andere Behandler der in dem Bereich arbeitet, der im sozialen Bereich arbeitet oder gerade in der Psychiatrie das muss man stückweit auch mitbringen.

00:38:43: also ne Empathie eine Interesse, vielleicht auch eine emotionale Intelligenz oder sowas.

00:38:54: Das muss man ein Stück weit mitbringen.

00:38:58: Das kann man auch irgendwo lernen.

00:39:00: aber das ist etwas was Voraussetzung ist glaube ich um in dem Bereich zu arbeiten.

00:39:07: Gibt es einen Trick den du vielleicht anwendest um so erste Momente so zu gestalten?

00:39:16: dass sie letztendlich auch zielführend sind.

00:39:18: Weil es geht ja nicht nur darum, dass man dann irgendwie eine gute Beziehung knüpft sondern es geht eigentlich auch darum wirklich rauszufinden was ist mit den Menschen los und du hast natürlich durch diesen ganzen Hintergrund die Ausbildung gelernt wie man vielleicht mit dem Menschen umgehen kann.

00:39:37: Gibt's da irgendwas was du immer gleich machst oder irgendein Prinzip was du anwendest wo man sagen kann das funktioniert vielleicht in neunzig Prozent der Fällen?

00:39:46: womit ich gute Erfahrungen gemacht habe und was sich auch wenn mich leute fragen immer sage Ich weil ich selber auch die erfahrung gemacht haben als es mir schlecht ging dass mir das gut getan hat ist einfach normalität Ja, dass man dass man selber auch wenn der andere im ausnahmezustand ist oder oder weiß ich nicht Dass man selber möglichst unbefangen Und möglichst viel Normalität ausstrahlt.

00:40:19: Also Unbefangenheit, Normalität und versucht sozusagen ein bisschen Ruhe und das Ganze zu erden.

00:40:32: Das gibt einfach Halt!

00:40:34: Das stabilisiert glaube ich.

00:40:39: Da profitieren Leute glaub' ich dann in dem Moment.

00:40:46: Versucht auch wenn der andere vielleicht.

00:40:50: Warnhaft ist psychotisch oder oder verzweifelt oder im Erregungszustand, dass man selber möglichst normal bleibt.

00:41:00: und das gibt halt.

00:41:01: und auch so Normalität auf Stationen gibt auch wahnsinnig viel Halt.

00:41:05: ja, dass da einfach gespielt wird, dass Leute irgendwie essen oder Dinge ein Alltag isst sowas sowas gibt schon alleine ganz viel Halt.

00:41:19: Ja, habt ihr danach irgendwie so ein Ritual?

00:41:23: Weil letztendlich wenn die Menschen mit dir reden ist natürlich auch nötig dass du Informationen weiter gibst.

00:41:29: oder ans gesamte Team gibt es also Austauschgruppen weil wenn Du Informationen bekommst bist du jetzt nicht auf der ärztlichen Seite unterwegs.

00:41:38: Es ist aber vielleicht eine Information die extrem wichtig ist für die Ärztinnen und Ärzte die im Klinikum arbeiten.

00:41:45: Gibt's dann so Austauschwuppe wo Ihr ... dann einfach

00:41:48: über die Paziertenten

00:41:49: sprecht?

00:41:50: Also das finde ich das Schöne eigentlich in der Klinik, dass man auf Station immer in multiprofessionellen Teams arbeitet.

00:41:59: Und da habe ich auch bisher immer sehr flache Hierarchien erlebt.

00:42:06: Klar!

00:42:06: Eigentlich... Der Arzt hat den Hut auf und trotzdem sitzt man irgendwie da in einem Boot mit Ärzten, Psychologen.

00:42:17: Pflege ist ja auch ganz wichtig die den Patienten ja eigentlich... Die längste Zeit am Tag erlebt und den besten Eindruck eigentlich dann davon hat aber auch die Musik-Therapeutin, Kunst-Terapeuten, Ergotherapeuten alle zusammen Alle arbeiten zusammen im multiprofessionellen Team Und es gibt da natürlich auch eine Übergabe und Teambesprechungen wo ich dann auch dabei bin das, was ich glaube, was wichtig ist von dem Patienten dann an die anderen in der Übergabe weitergebe.

00:42:53: Wenn wir mal ganz konkrete Anliegen da sind, dann spreche natürlich direkt einfach mit der Sozialarbeiterin oder mit dem Arzt wenn irgendwo direkt Handlungsbedarf ist.

00:43:02: also da sind eigentlich ganz kurze Wege da ist man ständig im Austausch und ist auch Teil des Teams.

00:43:10: Also das erlebe ich schon als sehr positiv.

00:43:15: Wirst du von Patientinnen denn eigentlich mehr als Freund oder als Vorbild wahrgenommen?

00:43:24: Das ist natürlich ein bisschen schwierig, genesungsbegleiter diese Rolle zu finden.

00:43:29: Das ist immer wieder eine Stück weit Herausforderung weil man ja irgendwo zwischen den Stühlen sitzt.

00:43:37: Man ist ja einerseits sitzt man in einem Boot mit den Patienten, weil man selber ja auch irgendwo diese Krankheit erlebt hat und immer noch vielleicht ein Stück weit mit sich trägt.

00:43:51: Und auf der anderen Seite gehört man zu den Behandlern, gehört zu den Profis.

00:43:57: Das ist nicht immer ganz einfach da seine Rolle zu finden.

00:44:01: Und am Anfang gerade als Genesungsbegleitung noch gar nicht bekannt war dann auf die Patienten zuzugehen und zu erklären, wer man ist was man macht.

00:44:11: Ja okay du bist auch krank, ja ein bisschen Patientier, nein!

00:44:18: Das war etwas schwierig da seine Rolle zu finden diesen Spagat Und Da Ist Die Nähe Zum Patienten Ja Auf Einer Augenhöhe Im Gleichen Boot Sitzen Ja Verständnis Aber auf der anderen Seite auch professionelle Distanz dann wiederaufzubauen.

00:44:40: Und da gibt es ganz viele Konflikte, das ist auch innerhalb von Ex-Inn.

00:44:44: Ist das so ein spannendes Thema?

00:44:46: Wo einige sagen ja Mensch eigentlich als Ex-INN sucht man noch gerade die Nähe und müsste doch viel näher am Patienten sein und dann mitfühlen viel mehr.

00:44:56: und dann passt doch eigentlich keine therapeutische Distanz oder professionele Distanz sondern... Da muss jeder seine Rolle finden.

00:45:05: Also letztendlich, das ist so ein Spannungsfeld.

00:45:08: Mir gelingt das mittlerweile ganz gut und mich belastet eigentlich auch nichts von dem was ich da in der Klinik höre.

00:45:17: Ich nehme da nichts mit.

00:45:19: So also... Ich glaube, ich habe da für mich meine Rolle gefunden.

00:45:25: Ja wie häufig erkennst du dich denn wieder?

00:45:29: Sehr oft!

00:45:30: Also gerade in jungen Patienten, die erst erkrankt sind.

00:45:33: Bei mir war ging es ja auch Anfang zwanzig los.

00:45:36: Da denke ich immer wieder ... Der steht jetzt da am Anfang, ne?

00:45:40: Diese ersten Ersterkrankten so wie ich damals, zwei tausend sieben das erste Mal nach der Psychose und ich wusste wo's langging Und ähm Das da erkenne ich mich oft wieder klar.

00:45:53: Hätte dir eine Genesungsbegleitung damals geholfen?

00:45:57: Ich denke schon also dass Hätte.

00:46:02: ich glaube, was es immer schon gab ist natürlich der Austausch der Patienten untereinander.

00:46:11: Das ist ja auch Mitteil des Konzeptes und dafür gibt's hier den Aufenthaltsraum oder Zeit-Lehrlauf ohne Therapien das die Patienten sich untereinander austauschen.

00:46:21: Ja?

00:46:22: Das ist so ein Stück weit auch Selbsthilfe.

00:46:27: Da gibt's immer mal ältere Patienten, die vielleicht schon länger mit einer Krankheit zu tun haben.

00:46:32: Die haben dann hin und wieder mal was erklärt haben aber das war eher Zufall.

00:46:37: Und das hingen auch von der Tagesform von demjenigen ab ja?

00:46:42: Es gab auch Klinikaufenthalte da hat einem niemand etwas erklärt, da hat man nichts gelernt.

00:46:48: Insofern ist es schon ganz gut wenn jemand wirklich da ist dessen Job das ist und mir hätte das bestimmt auch geholfen klar!

00:46:56: Ja, du hast gerade gesagt dass du deine Rolle da im Team erst mal finden musstest und die ein Stück weit natürlich auch definieren musstest.

00:47:02: Was wünschst du dir für die Zukunft der Ex-Inn Arbeit?

00:47:06: Wenn wir jetzt nochmal zehn Jahre nach vorne spulen was wünscht du dir was da bis dahin passiert sein soll.

00:47:15: Ich finde es schön wenn... Es ist ja schon viel passiert aber wenn das Ganze noch bekannter werden würde sich etablieren würde.

00:47:31: Wenn man auch allgemein hin die Nutzen davon sehen würde, der für mich Zweifels ohne da ist.

00:47:38: aber wenn das noch mehr anerkannt werden würde und ja... Das fände ich gut.

00:47:48: Ich denke es mittlerweile du meintest eben sechzig Genesungsbegleiter sind schon in der LVR-Klinik, es könnten noch mal doppelt so viele werden vielleicht.

00:48:01: Dass dann irgendwann wirklich auf jeder Station Genesung Begleiter ist das wäre schon gut.

00:48:08: und dass es auch eine Anerkennung dafür gibt und noch gibt es halt immer noch Zweifel.

00:48:13: also es gibt immer noch merke ich auch bei mir auf der Station und eigentlich auch in der Klinik habe sehr viel positive Erfahrung gemacht.

00:48:21: Aber ich kenne auch Kollegen bei mir aus dem Kurs, die damals angefangen haben und da gab es schon aus anderen Berufsgruppen Leute, die nicht so begeistert waren von Genesungsbegleitung das Gefühl hatten, da kommt jetzt irgendjemand der so eine Ausbildung.

00:48:40: Eine Einjährige und was macht er jetzt hier?

00:48:43: Und dann meinte der ein oder andere Psychotherapeut, ihr macht ja jetzt jetzt Psychotherapie oder was.

00:48:47: Der hat das doch gar nicht gelernt.

00:48:48: Er hat doch gar nichts studiert.

00:48:50: Und da vielleicht ein bisschen ... dass es ein bisschen selbstverständlicher wird.

00:48:57: Das finde ich gut!

00:48:59: Wir haben in den letzten Folgen von Seelenarbeit immer wieder thematisiert, dass psychische Erkrankungen natürlich häufig immer noch stigmatisiert werden.

00:49:05: Betroffene sich manchmal auch nicht trauen darüber zu sprechen.

00:49:08: Für dich scheint das irgendwie nicht oder nicht mehr zu gelten?

00:49:11: Ich habe das Gefühl, dass du in deinem Umgang mit der Erkankung und auch mit deinem Mut machen einfach ein Stück weit den gelebten Umgang um definierst.

00:49:20: Warum ist es dir so wichtig so offen über alles zu sprechen?

00:49:25: Weil dieses Verstecksspiel, dieses Tabu dass den Krankheiten anhaftet, das ich selber erlebt habe einfach wahnsinnig belastend ist.

00:49:36: Also... Und das Stigma gerade bei Schizophrenie und Psychose, dass der Erkrankung anhaftete, dass die Erkranken auch dann mit sich rumtragen, ist wirklich fast wie eine zweite Erkrankung!

00:49:53: Das ist fast so schlimm zu ertragen als die Symptome von der Erkrankung selbst.

00:50:00: Es ist einfach so, dass es so viele Vorurteile, so viel negative Reaktionen auslöst.

00:50:06: Dass mich das einfach selber belastet hat.

00:50:10: Dass ich mich geärgert habe, dass ich mich nicht traue darüber zu reden... ...dass selbst meine Mutter damals lange im Verwandtenkreis das Wortschitzuffrini nie in den Mund genommen hätte.

00:50:23: Ganz lange noch!

00:50:23: Das tanten Onkel ist nicht wissen durften und Das letztendlich ist das für mich ein Stück weit auch eine Befreiung dann darüber zu reden und mich dafür einzusetzen, dass diese Vorurteile weniger werden.

00:50:45: Ich habe mir das ja nicht ausgesucht.

00:50:47: Und die Frage von Enstigmatisierung, Enttabuisierung – auch von Empowerment Und ein bisschen auch politisch das Ganze vielleicht vor sich herzutragen und Aufklärungsarbeit zu machen.

00:51:00: Das habe ich mir genauso wenig ausgesucht wie andere Minderheiten, die diskriminiert werden.

00:51:05: Wenn man sich zusammenschließt und dafür einsteht offen darüber redet und versucht Vorurteile abzubauen dann geht es ja letztendlich darum die Situation der Menschen zu verbessern für einen selbst aber auch für die anderen Betroffenen.

00:51:24: Wie erklärst du dir das denn, dass die psychischen Erkrankungen häufig so tabuisiert werden?

00:51:29: Es ist einfach Angst.

00:51:34: Natürlich hat das Ganze auch eine Geschichte und wir sind heute ja schon weiter als noch vor siebzig-achtzig Jahren in Deutschland.

00:51:45: während der NS Zeit gab es sehr gute Gründe nicht über psychische Erkranken zu sprechen.

00:51:52: auch in anderen Kulturen, zu anderen Zeiten gab es immer wieder feinselige Stimmung gegen Menschen mit psychischer Erkrankung.

00:52:02: Vielleicht ... Menschen haben Angst vor allem was Fremd ist, was anders ist.

00:52:06: Ob so ein Ausländer sind, ob so eine andere sexuelle Orientierung ist, ob es eine psychische Erkrankung ist das kann man nicht greifen, das kennt man nicht und das will man erst mal von sich weg halten und fernhalten Verstecken die Leute das, weil es ihnen peinlich ist.

00:52:23: Und so entsteht dann Tabu und das Tabu macht's eigentlich noch schlimmer, weil ... Dann weiß man tatsächlich nichts und dann entstehen Gerüchte Vorurteile und am meisten Angst hat man vor dem was man nicht kennt.

00:52:39: und da hilft am meisten dann eigentlich Aufklärungsarbeit und offen darüber reden.

00:52:46: Wenn man den Leuten erklärt und offen darüber redet, habe ich bisher immer die Erfahrung gemacht.

00:52:51: Dass dann die Vorurteile eigentlich weg sind oder zumindest weniger werden wenn man ruhig erklärt.

00:52:58: Und inhaltlich...

00:53:01: Das Problem ist ja dass man um so offen darüber zu sprechen wie du das tust braucht man in vielen Fällen erstmal ein bisschen Kraft und ein gewisses Standing auch einen gewissen Punkt von Verarbeitung dessen was da passiert ist und gleichzeitig trifft das natürlich auf einer Situation in der es einem sowieso nicht so gut geht, in der man vielleicht selbst auch keine Kraft hat.

00:53:25: Und eigentlich irgendwie auch Kraft von außen bräuchte.

00:53:29: an welchem Punkt hast du dich denn dafür entschieden bzw hattest du die kraft zu sagen?

00:53:33: ich erzähle jetzt einfach jedem der mich fragt Was mit mir los ist?

00:53:40: Das kam eigentlich erst als ich den job als rechthalmer dann die nagel gehängt habe Weil für mich klar war, auf der Arbeit darf das keiner wissen.

00:53:51: Ja?

00:53:52: Es ist einfach so.

00:53:53: als Rechtsanwalt können sie keine Schizophrenie haben.

00:53:56: Das können Sie kein Mandanten erklären, das können Sie hier keinem Kollegen erklären, dass passt nicht.

00:54:02: Das geht nicht!

00:54:03: Das ist Ende der Karriere.

00:54:06: Dann ist man einfach selbst mit Depressionen.

00:54:09: die Kollegen die Depression hatten Auch wenn sich da das Bild langsam ändert und in der Gesellschaft viele sich outen, Depression vielleicht ein bisschen mehr in die Mitte der Gesellschaft drücken und man Verständnis hat.

00:54:24: In einem leistungsorientierten Unternehmen wie einer Großkanzlei ist auch Depression schon etwas was die Karriere belastet.

00:54:41: Schizophrenie geht da gar nicht.

00:54:44: Und eigentlich erst als das vorbei war, also für mich auch klar war du willst auch nicht mehr als Rechtsanwalt arbeiten habe ich angefangen so offener darüber zu reden.

00:54:54: Also im engsten Freundeskreis habe ich sowieso schon immer offen geredet.

00:54:58: aber jetzt auch wenn ich Leute dann irgendwo in der Stadt bei dem Café getroffen habe und man im Smalltalk irgendwann mal... Wenn es sich ergab hab' ich's nicht mehr verheimlicht sagen wir es so und hab dann auch gesagt, ja weil ich mal krank war.

00:55:14: Und wenn da die Frage kamen was war's denn?

00:55:17: Ja psychosischizophrenie habe ich einfach mal gesagt.

00:55:22: Wenn man das in dem einzelnen Gespräch erklärt hat wirklich was ist das eigentlich?

00:55:27: Ich weiß gar nicht so genau und wenn ich es beschrieben habe, dann war auch gut.

00:55:34: Aber das war der Punkt wo privat angefangen habe, offen darüber zu reden.

00:55:41: Damit in die Öffentlichkeit wirklich zu gehen, dass man ein Buch schreibt sich beim WDR in die Sendung setzt und das Buch vorstellt mein Weg durch die paranoide Schizophrenie irgendwie in der Zeitung ein Artikel erscheint oder so.

00:55:57: Das kam dann erst wirklich im Jahr zwei Tausend Zwanzig.

00:56:01: Das war dann so ein öffentliches Outing.

00:56:03: ist da nochmal was anderes?

00:56:05: Ja Jens, es gibt auch am Ende dieses Podcast immer eine kleine Tradition.

00:56:09: Und zwar hat dieser Podcast das Motto sinnvoll in jeder Beziehung und du darfst diesen Satz jetzt mit Leben füllen.

00:56:16: Sinnvoll in jeder Beziehungen!

00:56:18: Ich habe mir gedacht heute, Du darfst dir aussuchen ob du entweder die Bezieh von dir mit anderen Patientinnen meinst was da sinnvoll ist in einer Beziehungs- also zwischen Genesungsbegleiter oder Patientin Oder auch dass wäre die andere Variante zwischen dir und deiner Krankheit.

00:56:36: Dann nehme ich die Krankheit.

00:56:37: Okay, ähm... Ich glaube ganz sinnvoll ist es zu akzeptieren dass man eine Krankheit hat und gleichzeitig auch unheimlich schwer das eigentlich das Schwerste überhaupt weil niemand möchte krank sein.

00:56:51: Und eine krankheit zu akzeptieren und anzunehmen ist der erste Schritt damit es besser wird und Das muss man erst mal schaffen.

00:57:02: deshalb bei mir auch zehn jahre gedauert.

00:57:05: Aber je weiter man sie von sich wegdrückt, je mehr man sie verdrängt umso schwieriger wird es eigentlich.

00:57:12: Man wird immer wieder vor eine Wand rennen deshalb die Krankheit anerkennen Sie annehmen und dann mit ihr arbeiten anstatt dagegen.

00:57:25: Hast du deinen Frieden mit deiner Erkrankung gemacht?

00:57:27: Ja total also.

00:57:29: ich habe heute Eigentlich schon seit Jahren für mich eine hohe Lebensqualität, fühl mich nicht mehr eingeschränkt.

00:57:36: Ich fühle mich auch nicht mehr krank.

00:57:38: Wobei ich witzigerweise ... wenn ich Lesungen mache, ich bin mit meinem Buch auf Lesung und dann kommt immer die Frage ja sind sie denn jetzt geheilt Herr Jütner?

00:57:48: Und dann früher wusste ich nie was soll ich denn jetzt sagen?

00:57:52: und mittlerweile sag' ich so Ich glaube, wir müssen wegkommen von dem schwarz-weiß denken krank gesund entweder krank oder gesund.

00:58:03: und wenn man krank war dann ist man erst wieder gesund.

00:58:06: Wenn man geheilt ist und dann gehört man wieder zu den gesunden.

00:58:09: Es ist nicht so schwarz weiß.

00:58:12: es ist eine skala zwischen hundertprozentig gesund was niemand ist jeder noch so gesunder hat auch kranke Anteile und im anderen polkrank jemand, der sehr krank ist hat noch gesunde Anteile und irgendwo dazwischen auf dieser Skale bewegen wir uns alle.

00:58:28: Mal mehr bei gesund mal mehr bei krank.

00:58:31: Und das glaube ich ist ganz wichtig mitzunehmen und das gebe auch immer den Patienten weiter.

00:58:40: Es ist nicht schwarz-weiß und auch ich habe immer noch schlechte Tage und natürlich auch Probleme in meinem Leben und negative Dinge.

00:58:49: aber Man kann daran arbeiten, dass es besser wird und das ist eigentlich dann auch der Recovery Ansatz.

00:58:56: Ja am Ende ist es ein Leben damit ne?

00:58:59: Und ich gilt das ja nicht nur für psychische Erkrankungen sondern wenn ich einen Knopplerbau im Knie habe da muss ich auch damit leben.

00:59:05: Da werde ich wahrscheinlich nicht mehr hundert Prozent gesund um jetzt in diesem Framing zu bleiben Sondern man lernt damit zu leben und dann geht es schon irgendwie

00:59:14: Absolut!

00:59:16: Jens Jürtner ist Peer-Begleiter und Ex-In, Genesungsbegleiter am LVR-Klinikum Düsseldorf.

00:59:22: Jens vielen vielen Dank dass du uns heute von dir, deiner Arbeit und auch von deiner Krankheit erzählt hast.

00:59:28: Sehr gerne hat mir großen Spaß gemacht!

00:59:31: Und ich will an dieser Stelle auch einfach mal stellvertretend Danke sagen für all diejenigen für die Du einfach auch den Weg markierst ne?

00:59:37: Der vielleicht gerade im dunklen Wald erstmal nicht zu sehen ist.

00:59:40: Du schaffst es einfach mit deiner Art und Weise, mit der Krankheit umzugehen andere Menschen Hoffnungen zu geben.

00:59:45: Dass da überhaupt ein Weg ist das weiß man am Anfang ja manchmal auch gar nicht.

00:59:50: natürlich hast du dir diese Rolle nur bedingt ausgesucht aber es zeigt halt auch einfach was möglich ist wenn man die eigene Situation akzeptiert und daraus etwas Positives entwickelt und dass ist ziemlich beeindruckend.

01:00:02: danke dafür.

01:00:04: Ja vielen Dank.

01:00:06: Und wo wir gerade bei beeindruckenden positiven Menschen sind, hört euch doch direkt jetzt im Anschluss nochmal die letzte Folge an.

01:00:12: Folge fünfzin mit Oliver Schulz Gesundheits- und Krankenpfleger in der LVR Klinik in Dürren.

01:00:18: Ich war total beeindruckt von seiner pragmatischen Art und Weise Pflege zukunftsorientiert zu denken.

01:00:24: Dann zeigt auch gerne dem Algorithmus noch mal ganz schnell dass euch Seelenarbeit richtig gut gefällt.

01:00:29: gebt uns gerne ein paar Sterne und abonniert den Podcast damit ihr auch die nächste Folge nächsten Monat dann nicht verpasst.

01:00:35: Und noch mehr Infos zum LVR gibt's für euch natürlich auf den Socials.

01:00:39: Ich bin Daniel Schwingreuer, macht es gut bis nächsten Monat!

01:00:41: Tschüss.

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