Folge 8 – Sozialarbeit in der Forensik: Warum Empathie entscheidend ist

Shownotes

Als Sozialarbeiter*in in der forensischen Psychiatrie bewegt man sich in einem Berufsfeld, welches Empathie, fachliche Klarheit und menschliche Haltung verlangt. Und in einem Wirkungsfeld, in dem man Menschen unterstützt, das eigene Leben nochmal neu zu bewerten und zu ordnen.

Auf vielschichtige Art und Weise erzählt Vanessa Gurka, Sozialarbeiterin auf der Station F8.3 – Sozialdienst, der forensischen Aufnahmestation für Frauen an der LVR-Klinik Bedburg-Hau, wie ihr beruflicher Alltag aussieht und gibt dabei Einblicke, warum es so wichtig ist, die Patientinnen nicht als Straftäterinnen, sondern als Menschen mit einer ganz persönlichen Geschichte zu sehen. Im Gespräch mit dem Moderator Daniel Schwingenheuer geht sie darauf ein:

  • Was die forensische Psychiatrie ausmacht und wie es gelingen kann zwischen Schuld und Scham Raum für Neuanfang zu lassen.
  • Welche Rolle die „Willkommenskultur“ bei Zwangsaufnahmen spielt.
  • Was das sogenannte „Clearing“ bedeutet und wie dabei existenzielle Grundfragen geklärt werden.
  • Warum Empathie wichtig ist, aber Mitleid keine Lösung bietet.
  • Und welche Kraft in einem neuen sozialen Empfangsraum stecken kann.

Diese Folge ist für alle, die wissen wollen, wie forensische Psychiatrie wirklich aussieht - jenseits von Klischees und Vorurteilen. Und für alle, die verstehen wollen, wie wertvoll menschliche Begegnung in geschützten Räumen sein kann.

Triggerwarnung: In diesem Podcast sprechen wir über psychische Erkrankungen. Wenn dich diese Themen belasten könnten, höre bitte achtsam zu und hol dir professionelle Unterstützung, wenn du sie brauchst.

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Podcast-Empfehlung: In unserem Podcast „RheinlandRAUSCH“ geht es um echte Geschichten von Menschen, die ihren Weg aus der Sucht gegangen sind, um mutmachende Gespräche mit Expert*innen und um hilfreiche Informationen, die dir oder deinen Liebsten den ersten Schritt in Richtung Hilfe erleichtern sollen. Ob du selbst betroffen bist, dir Sorgen um jemanden machst oder einfach mehr über das Thema erfahren möchtest – wir sind hier für dich. RheinlandRAUSCH | Podcast on Spotify

Transkript anzeigen

00:00:00: Die Forensik ist nicht das Ende eines Lebensweges, sondern es kann auch neu anfangen sein, egal in welche Richtung es geht.

00:00:06: Und die Forensik kann und soll ein sinnstiftender Ort

00:00:09: sein.

00:00:16: Einblicke geben und den Menschen hinter dem Beruf sichtbar machen.

00:00:25: Denn Seelenarbeit beginnt mit echten Geschichten.

00:00:28: Und hier erzählen wir sie.

00:00:36: Ein gutes und gesundes neues Jahr wünsche ich euch.

00:00:39: Herzlich willkommen zur ersten Folge von Seelenarbeit.

00:00:44: Für uns alle geht die Reise auch in diesem Jahr weiter durch die psychiatrischen Kliniken des LVR.

00:00:49: Ich freue mich, dass ihr bereits seit Neues zu lernen und tieferere Einblicke zu erlangen, wie der Klinikalltag eigentlich wirklich aussieht.

00:00:55: Die Psychiatrie ist ja ein Ort, in dem häufig viel reinprojiziert wird, gerade auch von Filmen.

00:01:00: Und wenn ein großer Hollywood-Blockbuster richtig Spannung erzeugen will, dann werden psychische Erkrankungen mit Kraftaten kombiniert.

00:01:07: und natürlich benutzt Hollywood da auch gerne mal über Spitzungen und stellt die Realität anders dar, als sie letztendlich wirklich ist.

00:01:14: Und die Folge, wir haben alle ein Bild und ein Gefühl im Kopf und im Körper, das in der Regel nur in Bruchteilen mit der Realität übereinstimmt.

00:01:21: Aber... Wie sieht sie denn wirklich aus, diese Realität?

00:01:24: Heute geht es um die forensische Psychiatrie, also um den Ort, an dem Menschen behandelt werden, die zuvor eine Straftat begangen haben.

00:01:33: Ich bin Daniel Schwingheuer, ich moderiere diesen Podcast für euch und ich freue mich sehr, dass Vanessa Gurka bei mir ist von der LVR-Klinik in Bad Burghau.

00:01:42: Hallo Vanessa.

00:01:44: Vanessa ist Sozialarbeiterin auf der Station F-Acht Punkt Drei in Bettburg-Hau und gehört zum Sozialdienst der forensischen Aufnahmestation für Frauen.

00:01:56: Da war ganz viel drin, was wir im Laufe dieses Gesprächs nochmal aufdröseln müssen für alle, die sich mit Bettburg-Hau und mit der Psychiatrie nicht auskennen.

00:02:03: Aber erstmal, für die Aufnahme bist du jetzt gerade in der Klinik, ne?

00:02:07: Genau, ich bin in der Klinik.

00:02:08: Ich sitze hier in dem Büro, in dem ich tatsächlich tagtäglich sitze.

00:02:11: Hier ist mein Arbeitsplatz.

00:02:13: Aufnahmezeit ist elf Uhr.

00:02:15: Was hast du bisher in der Klinik schon so gemacht?

00:02:17: Ich bin erst mal angekommen.

00:02:18: Wir hatten eine kleine Übergabe.

00:02:20: Ich war mit meinen Kollegen im Gespräch, mit den Patientinnen im Gespräch.

00:02:23: Ich habe schon mindestens sieben E-Mails geschrieben, telefoniert und alle haben mir auch viel Kraft und Erfolg für jetzt gewünscht.

00:02:31: Also, ja.

00:02:33: Wunderbar, in dieser Folge wird es um die Dynamik zwischen psychischer Erkrankung, Gewalttat, Straftat und natürlich auch um Hoffnung gehen, die im besten Fall eine sehr große Rolle spielt.

00:02:44: Und natürlich ist es uns ganz besonders wichtig, dass wir alle Diese Themen auch gut verarbeiten können.

00:02:48: und deswegen jetzt erstmal die offizielle Trigger-Warnung für euch.

00:02:52: In dieser Folge geht es um psychische Erkrankungen.

00:02:55: Wenn euch diese Themen belasten, dann hört bitte nur weiter zu, wenn ihr euch aktuell stabil fühlt oder eine Vertrauensperson an eurer Seite ist.

00:03:02: Und ganz wichtig natürlich zögert niemals professionelle Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

00:03:08: Vanessa, ich habe mich natürlich mit deinem Lebenslauf ein bisschen beschäftigt, was ich ganz beeindruckend fand, das war die Tatsache, dass du diesen Wunsch nach Bedburg-Hau zu gehen und dort zu arbeiten schon relativ früh hattest.

00:03:19: Du hast eine Ausbildung gemacht zur Krankenschwester, da warst du dann während der Ausbildung sechs Wochen schon an der LVR-Klinik und damals konntest du dir schon vorstellen, irgendwann dort zu arbeiten.

00:03:30: Warum ist dieser Ort so besonders für dich?

00:03:33: Dieser Ort hat manchmal etwas fast Mystisches.

00:03:35: Also ich bin hier mit Anfang zwanzig im Einsatz als Krankenpflegeschülerin gewesen und das war erst mal eine Lebenswelt, die sich mir im Vorfeld in der Form noch nicht erschlossen hatte.

00:03:45: Das war schon ja fast faszinierend und auch das waren die ersten Bührungspunkte mit Erkrankungsbildern wie paranoidische Zufrinie.

00:03:54: mit depressiven Störungen, auch mit intelligenzgeminderten Menschen.

00:03:59: Das waren ganz anderes Arbeiten als das in der Somatik.

00:04:02: Und das hatte schon was sehr in den Bannen ziehen, das muss ich sagen.

00:04:07: Aber ich habe zum damaligen Zeitpunkt gedacht, nee, du bist dafür noch zu jung, du hast zu wenig Brust und Lebenserfahrung.

00:04:13: Geh mal deinen Weg weiter, eines Tages kommst du zurück.

00:04:17: Und so war es dann auch.

00:04:18: knapp zwanzig Jahre später, muss man sagen.

00:04:21: Ja, ja.

00:04:23: Kannst du denn formulieren und die Worte fassen, was dich daran so in den Band zieht, ist es, dass du vielleicht Dinge verstehst und Dinge auf den Grund gehst, die wir normalerweise in unserer, ich sag mal jetzt, normalen Lebenswelten nicht verstehen.

00:04:39: Also wenn ich das Erkrankungsbild der Panoidenschizophrenie nehme und ich beobachte Patienten und Patientinnen, die eben unter wahnhaften Erleben leiden und mit Menschen oder auch Wesen sprechen, die wir nicht sehen können, die Stimmen hören, die wir eben nicht hören und alles passiert quasi im Kopf meines Gegenübers aufgrund einer Stoffwechselstörung letzten Endes, dann ist das schon etwas, was medizinisch einfach auch tiefgründig in dem Sinne ist, dass man verstehen will.

00:05:09: Wie kann das sein?

00:05:10: Und mit Anfang zwanzig, wenn man ... vorher noch nie jemanden begegnet ist, er unter dem Störungsbild leidet oder das vielleicht schon im Stadtbild wahrgenommen hat, aber gar nicht einordnen konnte, dann wird auf einmal ein großes Ganzes da draußen.

00:05:24: Das fand ich damals schon sehr faszinierend.

00:05:27: Das in Kombination mit der Liegenschaft hier, also zum damaligen Zeitpunkt war die Liegenschaft noch sehr viel grüner als heute, also es ist immer noch bewaldet in Teilen.

00:05:36: Das war früher deutlich bewaldeter, also wenn man hier an so einem grauen Novembermorgen hinkommt und der Nebel hängt noch über dem Klinikgelände.

00:05:44: Hier gibt es ganz viele alte Gebäude, die, glaube ich, Anfang ist schon ein besonderer Ort hier, auch ein sehr geschichtsträchtiger Ort, muss man sagen.

00:05:56: Das kommt noch hinzu.

00:05:57: Also, es hat schon etwas Fesseln ist.

00:05:59: Also, für mich war es zumindest so.

00:06:01: Da sind wir doch fast wieder beim Hollywood-Blockbuster, wenn ich diese Bilder so in meinem Kopf habe.

00:06:05: Ja, das will

00:06:06: ich.

00:06:07: Du bist nach der Ausbildung in den Sozialdienst dann gewechselt.

00:06:10: Du hast erst bei der Wohnungslosenhilfe gearbeitet und später dann im forensischen Sozialdienst.

00:06:17: Wann war der Punkt gekommen, an dem du gedacht hast, jetzt bin ich bereit?

00:06:20: dafür?

00:06:22: Ich glaube, als ich genug Lebens- und Berufserfahrung hatte, also ich habe die Ausbildung durchlaufen, als Krankenschwester gearbeitet, dann studiert und ich habe noch eine sozialpsychartische Zusatzausbildung absolviert und nachdem ich die abgeschlossen hatte, bin ich noch eine Zeit lang in der Wohnungslosenhilfe geblieben, aber irgendwann hatte ich das Gefühl, Okay, ich kann jetzt den Schritt wagen.

00:06:42: Also ich hatte auch in der Wohnungslosenhilfe schon viele Berührungspunkte mit psychischen Erkrankungen.

00:06:47: Also ein Großteil der Männer, mit denen ich damals zusammengearbeitet habe, die waren auch psychisch krank und nicht wenige hatten zum Beispiel auch eine Paranoiderschizophrenie, die unbehandelt war und daher eben auch eine Fluribendwaren verbunden war.

00:06:59: Und dann dachte ich irgendwann, okay, ich habe jetzt einen Umgang damit.

00:07:02: Ich kann das irgendwie auch in meiner Lebenswelt gut integrieren, sowohl beruflich, aber auch privat, wenn ich so unterwegs bin.

00:07:09: dass ich dachte, okay, ich bin an dem Punkt, das wird mit mir nichts mehr machen.

00:07:15: Glaub ich, ein ganz wichtiger Punkt.

00:07:16: Sonst kann man nicht jahrelang an so einem Ort arbeiten.

00:07:20: Ja.

00:07:20: Ich glaube, man muss sich deutlich abgrenzen können.

00:07:24: Es ist die eine Sache, empathisch dem gegenüber zu begegnen, aber man braucht schon auch die professionelle Distanz zu der ganzen Angelegenheit, weil man als Mitarbeitende generell auch manchmal Teil des Warnsystems wird.

00:07:38: Das heißt, man wird so in den Waren mit eingebunden.

00:07:41: Das ist auch nicht... immer nur angenehm, sage ich mal.

00:07:45: Und da muss man auch erstmal, glaube ich, in seiner Freizeit einen guten Umgang mit finden.

00:07:50: Und ja.

00:07:51: Ja.

00:07:52: Seit Juni, zwanzig, zweinzwanzig, bis wir jetzt also da, dreieinhalb Jahre, wenn ich richtig gerechnet habe, so ungefähr, waren diese dreieinhalb Jahre so, wie du erwartet hattest?

00:08:01: Ich glaube, ich hatte eine wirklich medial geprägte Vorstellung von Forensik.

00:08:06: Und als ich weiß, noch heute, wie mein erster Tag war, damals noch im Altbau, bin ich angekommen.

00:08:11: Und das war Visiten-Tag.

00:08:12: Und ich werde nie vergessen, wie ein engendes Gefühl war, dass plötzlich alle Türen geschlossen sind, dass Gitter vor den Fenstern sind, dass es sowas wie Schleusen gibt und und und.

00:08:25: Das war erst mal erdrückend.

00:08:27: Das muss ich sagen.

00:08:28: Und ich glaube, Damit habe ich in der Form nicht gerechnet, dass mich das so anrühren würde, also allein die Räumlichkeiten, die Struktur der Station.

00:08:39: Wir sind vor zweieinhalb Jahren mittlerweile in Neubau gezogen.

00:08:42: Hier ist alles sehr viel heller und freundlicher.

00:08:44: Die Patientinnen haben mehr Freiraum, aber damals hatten wir noch mehr Bedzimmer.

00:08:50: Teilweise vier Bettzimmer, dann hatten wir Doppelzimmer, die wirklich räumlich sehr eng waren.

00:08:55: Also das war ein Stühl da, wo ich schon selber das gehört habe.

00:08:57: Mir schnürzt die Brust so irgendwie.

00:09:00: Und der erste Tag, als ich nach Hause ging, dachte ich so, was den ersten Tag geschafft war.

00:09:05: Aber dann ist das Gefühl verflogen irgendwann und das hat jetzt meine berufliche Normalität.

00:09:11: Sie sind Gitarre geschlossene Türen, Schleusen, ja, alles das.

00:09:16: Bevor wir jetzt richtig rein starten, bekommen es natürlich auch du die Ehre an unserer Schnellfragerunde hier im Podcast teilzuhaben.

00:09:23: Deine Aufgabe ist so schnell und so kurz wie möglich zu antworten auf die drei Fragen, die ich dir stelle.

00:09:28: Erstens.

00:09:29: Drei Worte, die deine Arbeit als Sozialarbeiterin beschreiben.

00:09:33: Mädchen für alles.

00:09:37: Sehr kurze Antwort.

00:09:39: Zweitens.

00:09:40: Beziehungsarbeit oder Behördenkontakt?

00:09:43: Beziehungsarbeit.

00:09:44: Hätte ich so auch erwartet.

00:09:46: Drittens, wenn deine Kollegin dich in einem Satz beschreiben würden, wie würdet er lauten?

00:09:52: Gürtchen, bisschen verrückt, aber ganz liebenswert.

00:09:58: Denke ich, hoffe ich.

00:10:00: Ja.

00:10:01: Sehr schön, sehr schön.

00:10:03: Der Begriff Forensik, das ist einer, den viele schon mal gehört haben.

00:10:07: Deutschland liebt ja Krimis und alle, die in Tatort regelmäßig schauen, die haben eine Vorstellung von der Forensik, aber damit wir jetzt zum Start in diesem Podcast hier erstmal alle dieselbe Basis haben, dieselbe denselben Stand haben, von dem wir ausgehen können.

00:10:18: Was ist eine forensische Psychiatrie?

00:10:21: Die Forensepsychiatrie behandelt Patientinnen und Patienten, die unter einer chronischen psychischen Erkrankung leiden, die straffällig geworden sind und in dem Sinne schuldunfähig sind während der Tat, weil eben die psychische Erkrankung zur Schuldunfähigkeit geführt hat, dass also handlungsleitende Impulse quasi überhand genommen haben und gar nicht mehr aktiv steuerbar waren.

00:10:47: Das heißt, die Steuerungsfähigkeit war zum Tatzeitpunkt des Anlassdeliktes nicht mehr gegeben und somit besteht entweder die Schuldunfähigkeit oder die verminderte Schuldfähigkeit.

00:10:58: Und letzten Endes wird dann quasi im Urteil verkündet, dass die Patientinnen hier in unserem Falle zum Verbleib in einer forensischen Psychiatrie oder in einem psychiatrischen Krankenhaus, so steht es im Gesetz meint, aber die Psychiatrie ja verurteilt werden.

00:11:16: Ja.

00:11:17: Und diese Station F-Ach.Drei, wie ist die jetzt genau definiert, auf der du arbeitest?

00:11:23: Wir sind eine Aufnahmestation für Frauen.

00:11:25: Wir sind im Einzugsgebiet des LVR, also hier im Rheinland und Umgebung, die einzige Klinik, die eben auch Frauen behandelt in diesem Kontext.

00:11:34: Das heißt, die Frauen kommen... Manchmal direkt nach dem Anlassdelikt, manchmal sind sie noch voruntergebracht in Kliniken oder aber auch schon bereits in der JVA.

00:11:44: Die kommen dann zu uns und werden hier aufgenommen und verbringen hier so eine Art Vorunterbringung.

00:11:50: Ich vergleichse immer leihenhaft mit einer Untersuchungshaft.

00:11:53: Ich glaube, das versteht man ganz gut.

00:11:55: Das wird eben ein Delikt vorgeworfen.

00:11:57: Es ist aber richtig noch gar nicht geprüft, ob das Delikt auch so stattgefunden hat, wie es vorgeworfen wird.

00:12:03: Es werden Gutachten erstellt, die erstmal die Schuldunfähigkeit.

00:12:06: oder vermindertes Schuldfähigkeit feststellen und auch die chronische psychische Erkrankung feststellen.

00:12:12: Und dann haben wir im Regelfall sechs Monate Zeit, bis es zu einer Hauptverhandlung vor dem jeweiligen Landgericht kommt.

00:12:18: Und im Rahmen der dortigen Hauptverhandlungen wird dann eben darüber geurteilt, ob die Patientin entlassen werden kann.

00:12:25: Manchmal kompletter Freispruch, manchmal eine Entlassung auf Bewährung oder aber auch wieder zu uns zurückkommen.

00:12:32: Sie kommen dann tatsächlich auch wieder hin zu uns zurück, weil es außer uns eben im Elfeuereinzugsgebiet keine Klinik für Frauen gibt.

00:12:39: Und dann sind sie bis auf weiteres Untergebracht.

00:12:41: Also das ist die Besonderheit einer fränzischen Unterbringung auch noch mal.

00:12:45: Wir arbeiten hier mit Patientinnen, die nach Prahagraff, dreiundsechzig Strafgesetzbuch untergebracht sind.

00:12:50: Das heißt, es gibt kein Enddatum.

00:12:52: Also es ist nicht so wie der JVA, dass man Strafmaß erfährt und weiß okay.

00:12:56: dreieinhalb Jahre sitze ich ab und dann bin ich draußen.

00:12:59: Hier ist es so, dass die Patientinnen einmal im Jahr eine Anhörung haben vor der Strafverstreckungskammer hier in Klebe, die ist für uns zuständig.

00:13:07: Und dort wird dann quasi einmal der Behandlungsverlauf des letzten Jahres gewürdigt und dann wird geprüft, ob die Unterbringungsvoraussetzungen weiterhin vorliegen.

00:13:18: Und in den meisten Fällen kommen die Patientinnen von den Anhörungsterminen dann auch immer jährlich zu uns zurück.

00:13:25: Alle drei Jahre finden neues Gutachten statt.

00:13:27: Und das ist was sehr demoralisierendes für die Patientinnen.

00:13:31: Also nicht so wissen, wann werde ich eigentlich entlassen, sondern mein Gott, also wann komme ich denn raus, komme ich nächstes Jahr raus.

00:13:38: Und da müssen wir auch immer realistischerweise sagen, also nach einem Jahr ist hier noch niemand entlassen worden.

00:13:43: Wir sind bei einer durchschnittlichen Verwaltdauer derzeit von vierenhalb Jahren hier bei uns in dem Fachbereich.

00:13:48: außerhalb unseres Fachbereichs sind die Verwaltdauern aber noch teilweise deutlich über zehn Jahre.

00:13:54: Hier vereinzelt auch, also es ist nicht so, dass alle Patienten hier nach spätestens vier und ein halben Jahren entlassen werden.

00:13:59: Das ist natürlich abhängig auch vom Behandlungsverlauf.

00:14:03: von der von der mitwirkungsbereitschaft der absprache fähigkeit vom verlauf der erkrankung muss man auch sagen es gibt schon sehr schwerwiegende verläufe insgesamt die auch vielleicht medikamentös nicht mehr reagieren so dass eben das psychotische erleben auch vordergründig bleibt und weiter handlungsleitend bleibt und dann muss man halt auch realistischerweise einschätzen dass die gefährlichkeitspognose weiterhin schlecht ist und dann bleiben Patienten auch manchmal deutlich über diese vierenhalb Jahre im Schnitt bei uns.

00:14:32: Ja,

00:14:33: ja.

00:14:34: Ich möchte nochmal ganz kurz zu dem Punkt zurückkommen, dass ihr eine Station seid nur für Frauen.

00:14:40: Es gibt natürlich sonst in anderen Psychiatrien auch einfach gemischte Häuser, wo Männer und Frauen behandelt werden.

00:14:46: Warum ist es wichtig, dass das nur für Frauen ist?

00:14:50: Also aus meiner Sicht gerade für die Frauen, die hier neu aufgenommen werden, ist es dahingehend wichtig von Männern getrennt untergebracht zu werden, da sie oftmals auch Opfer von Gewalt waren in ihrer Vergangenheit.

00:15:03: physische Gewalt, sexuelle Gewalt.

00:15:06: Hier gibt es wirklich Lebensläufe, die einen auch schon durchaus berühren können.

00:15:10: Und ich glaube, wir wollen ein sinnstiffender Ort sein.

00:15:14: Wir wollen aber auch erst mal ein sicherer Ort sein.

00:15:17: Und viele Patienten sind traumatisiert, sind komplex traumatisiert, haben schlechte Erfahrungen in ihren Biografien gesammelt.

00:15:24: Und hier ist unter Frauen erst mal, sag ich mal zumindest, dahingehend ein sicherer Ort, um erst mal anzukommen.

00:15:32: erstmal ein bisschen Ruhe zu finden und erstmal nicht direkt wieder mit einem vielleicht mit Problemen behafteten Geschlecht in Kontakt zu kommen.

00:15:42: Es sind ja jetzt so wie du es gerade erklärt hast, es sind ja zwei verschiedene Szenarien sag ich mal, die einen Person, die direkt nach einer Tat zu euch kommen und dann ich glaube erstmal sechs Monate bei euch bleiben, bevor dann ein Gerichtsprozess stattfindet.

00:15:57: Und auf der anderen Seite dann halt Patientinnen, die danach auf unbestimmte Zeit bei euch sind.

00:16:04: Lass uns zunächst mal über die erste Gruppe sprechen.

00:16:06: Das ist doch wahnsinnig schwierig, solche Personen erstmal aufzufangen, die dann direkt nach einer Tat bei euch ankommen und dann so ein Prozess von sechs Monaten vor sich haben mit verschiedenen Urteilen und so.

00:16:20: Wie geht ihr denn daran?

00:16:22: erst mal aufgeschlossen mit einem sehr akzeptierenden Ansatz.

00:16:25: Das heißt, wir haben eine gewisse Haltung, die erst mal eine Willkommenskultur hier im hochgesicherten, geschützten Setting möglich macht.

00:16:33: Man muss ja sagen, es ist immer ein Zwangskontext.

00:16:35: Hier kommt niemand freiwillig zur Behandlung hin, sondern die Patientinnen werden aus ihrem Alltag gerissen, wie auch immer der ausgesehen haben mag und begrüßen uns jetzt nicht unbedingt mit offen.

00:16:46: Also sage ich mal vorsichtig.

00:16:48: Aber die Haltung des Teams ist dahingehend geprägt, dass sie und sagen, okay, die Patientinnen kommen erst mal an.

00:16:54: Es findet ein Aufnahmegespräch statt, es findet ein Aufnahmeuntersuchung statt und wir kümmern uns auch erst mal um die rudimentären Grundbedürfnisse.

00:17:01: Also die Grundbedürfnisse fast jeder Patientin, die hier neu hinkommt, ist, wie komme ich am Tabak?

00:17:07: Weil wirklich weit über neunzig Prozent der Patientinnen hier sauchen, Tabak und Kaffee sind hier wirklich tagesstrukturierende.

00:17:17: Maßnahmen für die Patienten.

00:17:18: Das klingt jetzt ein bisschen ironisch, wenn ich das sage, aber sie rauchen wirklich viel.

00:17:24: Das heißt, wenn wir das klären und sagen, okay, wir klären jetzt erst mal die finanziellen Angelegenheiten, die Patientinnen haben hier in weiten Teilen auch Anspruch auf Taschengeld, wenn es keine vorrangigen Leistungen gibt.

00:17:34: Das heißt, wir kümmern uns erst mal um das Geld, da ist ein Weg in Tabakol.

00:17:37: Also, da sind schon erst mal Zigaretten da, wir haben auch immer Notfalltabak da.

00:17:40: Dann ist schon mal so ein bisschen Nervosität bei den Patienten raus, weil ... Die wissen dann, okay, alles klar, die machen das für mich.

00:17:48: Diese Erfahrung, da macht jemand was für mich.

00:17:50: Da geht jetzt jemand für mich los und holt mir Kippen.

00:17:53: Das ist schon mal eine Erfahrung, die sie meistens in ihrem Alltag, bevor sie zu uns kommen, nicht mehr gemacht haben.

00:18:00: Und dann geht das so weiter.

00:18:01: Dann kriegen Sie frische Kleidung, weil wir sind tatsächlich auch dazu angehalten, die Kleidung zu überprüfen und zu waschen.

00:18:06: Dann kriegen Sie aus unserem Kleiderfond das neue Kleidung ausgehändigt.

00:18:10: Aber wir haben auch gute Kleidung.

00:18:12: Da ist jetzt nichts dabei, wo man sagen muss, mein Gott, ich meine, wir haben auch Jogginganzüge.

00:18:15: Dort reicht auch erst mal für ein Start, so ist das nicht.

00:18:18: Aber wir haben schon auch das Bedürfnis und auch, sag ich mal, den Anspruch an unsere Arbeit, dass die Patienten sich hier wohlfühlen können.

00:18:27: Also das auch am ersten Tag, wenn sie kommen, direkt merken, okay, ich bin hier im Zwangskontext untergebracht und ich wäre überall lieber als hier.

00:18:36: Aber es ist jetzt auch nicht so schlecht, wie ich angenommen habe.

00:18:40: Und ich glaube, wir leisten von wirklich Minute eins an Beziehungsarbeit.

00:18:45: Also wir heißen willkommen.

00:18:48: Wir akzeptieren auch erst mal, also wir, ich sag mal, wir sehen die Patientin nicht als Straftäterinnen.

00:18:55: Sie sind ja eh.

00:18:56: Schuldunfähig oder vermindert Schuldfähig.

00:18:59: Und so begegnen wir ihn auch.

00:19:00: Also hier werden keine Vorwürfe erhoben.

00:19:02: Natürlich kommt im Laufe der Behandlung eben auch die Deliktarbeit zur Sprache, wo dann meistens mit dem Psychologin oder der Bezugstegel geschaut wird.

00:19:11: Wie kam es zu dem Delikt?

00:19:13: Also was nach dem...

00:19:14: Das ist auch innerhalb dieser ersten sechs Monate vor der Gerichtsverhandlung, ne?

00:19:18: Genau, richtig.

00:19:18: Das ist auch ein ganz wichtiger Bestandteil für die Gerichtsverhandlungen, um die Patientinnen auf die Gerichtsverhandlungen vorzubereiten.

00:19:24: Weil spätestens da werden sie ganz offen mit der Tat konfrontiert, mit Einzelheiten, mit Bildern, mit Zeugenaussagen.

00:19:33: Und dann macht es mehr als Sinn im Vorfeld bereits über das Delikt gesprochen zu haben, im Bestfall eine Akzeptanz erarbeitet zu haben und eben auch ein Bewusstsein dafür, was letzten Endes zum Delikt geführt hat.

00:19:47: Also welch Teil der Erkrankung, warum hat sich die Erkrankung im Vorfeld verschlechtert?

00:19:54: Hätte ich was anders machen können?

00:19:55: Was ist mir selber aufgefallen?

00:19:57: Was sind meine Frühwahnzeichen für die Zukunft?

00:19:59: Ab wann merke ich, dass es mir wieder schlechter geht, dass ich wieder vielleicht eine abwärtsspirale Rutsche, die damals schon dazu geführt hat, dass ich mich verschlechtert habe und letzten Endes als Beispiel Menschen angegriffen habe.

00:20:11: Ist das Teil der Clearing Arbeit?

00:20:14: Clearing ist eher... Ja, also Anamnese, aber auch erst mal zu schauen, wo kommen die Patienten her?

00:20:21: Aus welcher Lebensfeld gab es eine eigene Wohnung?

00:20:24: Müssen wir uns darum kümmern, dass die Wohnung der Mietvertrag aufrecht erhalten bleibt?

00:20:28: Wurde die Wohnung schon aufgekündigt, müssen wir uns darum kümmern, dass die Wohnung geräumt wird?

00:20:32: Ganz banal.

00:20:33: manchmal auch sind noch Tiere in der Wohnung, die wir da rechts wollen müssen.

00:20:36: Also wir haben schon Schildkröten aus Wohnungen geholt.

00:20:39: Also ich selber nicht über meine Vorgängerin.

00:20:42: Katzen und und und weil die Tiere würden eben sonst auch verenden.

00:20:47: Das ist das eine.

00:20:48: manchmal holen wir auch noch Kleidung aus der Wohnung, damit die Patientin eben auch ihre gewohnte Kleidung tragen können.

00:20:54: Wir schauen ob draußen Gelder liefen, Rentenleistung, Bürgergeldleistung oder anderweitige Sozialleistung, die umgeleitet werden können, die eingestellt werden können.

00:21:04: checken dann hier die Ansprüche innerhalb der Klinik ab, Taschengeldzahlungen, Bekleidungsgeld, Pauschalen, die wir zahlen, damit die Patienten erstmal finanziell abgesichert sind und so.

00:21:15: die Existenz gesichert ist.

00:21:17: Also darum geht es, also jetzt mit Blick auf die soziale Arbeit, da geht es bei Clearing vordergründig drum.

00:21:23: Gibt es Kinder?

00:21:24: Sind vielleicht nur Kinder im Haushalt, die in Obhut genommen werden müssen, wurden die in Obhut genommen?

00:21:29: Wenn ja, wo können wir Kontakt herstellen?

00:21:32: Gibt es noch Familienangehörige, die man kontaktieren muss?

00:21:35: Ist dann ein Lebenspartner, der vielleicht noch gar nicht weiß, dass seine Frau grad forensisch untergebracht wurde?

00:21:40: Also das ist wirklich in der Anfangszeit, das sind so die ersten Tage bis wenige Wochen, wo man erst mal die Existenz sich hat und dann guckt, weil ohne diese Basis, also wenn du oder ich stell mir vor, ich würde aus meiner Küche abgeholt werden und alles bleibt liegen, da kann ich mich nicht auf die Behandlung einlassen, wenn ich weiß aber zu Hause, da sind Kinder, da ist meine Katze, der Kühlschrank ist voll und ich muss doch eigentlich, ich hab Strom noch gar nicht bezahlt, ich komme aber auch nicht mehr an mein Geld.

00:22:09: Also darum geht es aus Sicht des Sozialdienstes erst mal bei der Clearing-Arbeit.

00:22:13: Dann natürlich auch Sozialannahmenese, ob die Patientinnen in unserem Fall Ausbildung haben, manchmal sogar abgeschlossene Studien haben, Studiengänge durchlaufen haben.

00:22:23: Ja, das erst mal zu schauen, die Patientinnen in den Zustand zu bringen, wo sie sagt, okay, es ist alles geregelt, wir können jetzt hier weitermachen.

00:22:32: Ich

00:22:32: kann mich erst mal um mich kümmern.

00:22:34: Um da erst mal gucken, was da eigentlich passiert ist.

00:22:37: Ist es denn... Eigentlich so, dass diejenigen, die zu euch kommen, sind, die sich bewusst, dass sie eine Erkrankung haben oder werden sie dadurch teilweise auch überrascht.

00:22:49: Ich würde sagen, ein Großteil der Patientinnen hat, wurde schon mal damit konfrontiert, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leiden.

00:22:57: Viele der Patientinnen ist auch schon im Vorfeld häufig in Behandlung gewesen, in Stationärmsychiatrien, also Allgemeinsychiatrie, haben in Wohngruppen gelebt.

00:23:07: Es ist aber nicht immer die Akzeptanz dieser Erkrankung gegeben.

00:23:11: Also die Erkrankung ist nicht immer automatisch Teil des Selbstbildes, sondern auch das kann in vielen Fällen Teil der Arbeit hier sein, dass die Patientin erstmal akzeptieren kann, dass sie krank ist, dass sie unter einer zum Beispiel Paranoidenschizophrenie oder emotionalen Persönlichkeitsstörung leidet, was das für sie bedeutet.

00:23:33: Und da muss man auch sagen, wenn die Patientinnen zu uns kommen und noch psychotisch sind, also noch in ihrem Warnsystem sind und sie werden hier medikamentös behandelt, dann ist der Warn rückläufig und die Erkrankung entaktualisiert, remittiert.

00:23:47: Das heißt, die Symptome verschwinden.

00:23:50: Und die Patienten kommen wieder in der Realität an, die wir alle als Realität oder die wir meisten als Realität akzeptieren.

00:23:57: Das ist mit viel Scham verbunden, mit sehr viel Wohnen, weil eben im, sage ich mal, wahnhaften Erleben auch Familienangehörige beleidigt wurden, vielleicht sogar körperlich verletzt worden sind, dass Kinder angegriffen worden sind, dass Brüder und Schwestern verletzt wurden.

00:24:14: Das ist natürlich auch erstmal eine Tatsache, die... schwer wiegt.

00:24:19: Also auch für die eigene Persönlichkeit.

00:24:22: Es geht oft um Schuld und Scham, wenn die Patienten, ich sag mal, salopp zu sich kommen und realisieren, was sie getan haben.

00:24:31: Vielleicht sogar nicht nur im Rahmen des Anlassdeliktes, sondern schon viele Jahre vorher, weil meistens bauen sich die Erkrankungen, gerade paranoidische Zufrieden, kann auch schubweise verlaufen und das heißt, dass es halt immer wieder zur Verschlechterung kommt.

00:24:45: Und dann Es ist auch noch andere Erkrankungsbilder, die zum Beispiel auch mit manischen Zuständen einhergehen und im Rahmen der manischen Zustände große finanzielle Tätigkeiten quasi oder Ausgaben getätigt worden sind für unnützte Dinge, dadurch aber die Familie in Mitleidenschaft gezogen worden ist und und und.

00:25:08: Dann ist das auch erstmal etwas, womit eben auch die familienangehörigen Freunde und Bekannte konfrontieren.

00:25:14: Und auch wir als Team und die Patientinnen dann dadurch zu begleiten, ist schon eine Kunst.

00:25:19: Also auch einfach damit zu arbeiten und zu sagen, okay, die Emotionen, die sie jetzt gerade haben, sind berechtigt und damit arbeiten wir jetzt.

00:25:26: Das ist vor allem Teil des psychologischen Dienstes, muss man sagen, aber auch im Rahmen des Sozialdienstes führen wir hier.

00:25:33: Gespräche, Befindlichkeitsgespräche, manchmal auch Smalltalk, manchmal kommen die Patienten einfach und setzen sich hier hin, woher sie auch noch.

00:25:39: eine Patientin hat einfach ein bisschen geplaudert.

00:25:42: Und da geht es auch bei diesen, sage ich mal, eher oberflächlichen Gesprächen geht es irgendwann oft auch darum, was die Patienten eigentlich bewegt.

00:25:50: Also was ihnen leidt, wo die Patientin weint dann auch häufig.

00:25:54: Das wird man nicht vergessen.

00:25:56: Ich kann mir jetzt vorstellen, du hast ja vorhin auch so ein bisschen erzählt, wie deine Aufgaben sind, dass du dich im Prinzip um alles kümmerst, dafür sorgst, dass das Leben für die Patientin irgendwie erstmal ein bisschen... weiter geht und das sich um alles gekümmert ist.

00:26:12: Ich kann mir vorstellen, dass das gerade in Verbindung mit dem, was du über das Rauchen und über so Grundbedürfnisse erzählt hast, dafür sorgt, dass sehr schnell du als Sozialarbeiterin eine Bezugsperson bist.

00:26:23: Und halt auch eine Person, der man vertraut, dass man denkt, okay, das ist so eine Verbündete, die will auch für mich das Regeln gucken, dass das weitergeht.

00:26:30: Gerade in dieser Funktion als so eine Bezugsperson ist es vermutlich doch... Extrem schwierig, dann so Leute auch zu begleiten.

00:26:38: Vor allen Dingen, wenn man weiß, okay, jetzt sind es noch zwei Monate bis zu dem Gerichtsprozess, da ist vielleicht dann auch die Hoffnung, dass man vielleicht auch ganz wieder rauskommt oder dass man komplett als unschuldig gesprochen wird.

00:26:51: Das ist emotional alles gar nicht so einfach zu begleiten.

00:26:55: Das kommt darauf an, wie der eigene Standpunkt dazu ist, glaube ich.

00:26:59: Also mir zählt es mittlerweile doch relativ leicht, weil ich einfach auch die Realität akzeptiere.

00:27:06: Letzten Endes ist ja das jeweilige Landgericht für die weitere Unterbringung oder auch Entlassung quasi zuständig und trifft die Entscheidung dahingehend.

00:27:17: Wir können die Patienten natürlich nur begleiten und dahingehend vorbereiten, dass sie vielleicht auch ihren eigenen Lebensstil nochmal kritisch hinterfragen und überdenken.

00:27:28: Also ich würde sagen Empathie ist sehr wichtig.

00:27:30: Das ist auch Teil der Arbeit hier für alle Berufsgruppen.

00:27:34: Mitzuleiden ist nicht förderlich und auch nicht ratsam.

00:27:39: Also die Distanz, die ich vorhin schon mal angesprochen habe, auch zu den Delikten, zu den Lebensläufen, aber auch den jeweiligen Lebenswelten ist schon sehr wichtig.

00:27:49: Also ich versuche immer größtmögliches Verständnis für das Setting aufzubringen, aus dem die Patientin kommt.

00:27:57: Ich leide aber nicht mit.

00:28:00: Also das ist mir auch wichtig.

00:28:02: Mir ist gerade der Gedanke gekommen, wie schwierig ist es, die richtigen Worte zu finden in dem Moment.

00:28:06: Wenn jemand vielleicht, der festen Überzeugung ist noch zwei Wochen bis zum Gerichtsdermin, da komme ich bestimmt dann wieder frei.

00:28:15: Salopp gesagt jetzt auch.

00:28:17: Und man selbst weiß aber, mit dem Setting wahrscheinlich eher nicht, wahrscheinlich sehen wir uns damit wieder.

00:28:22: Wie schwierig ist es da zu begleiten, gleichzeitig aber auch die Distanz zu wahren, die grobe Richtung schon mal vorzugeben, damit jemand jetzt nicht völlig überrascht ist.

00:28:35: Das stehe ich mir sehr schwierig vor.

00:28:37: Man gewöhnt sich dran, würde ich sagen.

00:28:39: Ja, also es klingt pragmatisch, aber authentische Rückmeldungen sind wichtig und Ehrlichkeit und Authentizität ist sehr wichtig.

00:28:47: Wenn würde ich den Patienten jetzt irgendwie das Blaue vom Himmel versprechen und so jeder Patientin sagen, wird schon, werden schon erlassen.

00:28:56: Dann sind die Patienten ja umso enttäuschter, wenn sie nach der Verhandlung wieder hierher kommen.

00:29:00: Also wir sind von vornherein sehr transparent mit den Patienten und sagen, wir begleiten sie gerne.

00:29:06: in dem Prozess bzw.

00:29:08: mit Prozess manch in dem Falle hier unsere Behandlung und möchten mit ihnen zusammen die größtmögliche Wahrscheinlichkeit erwirken, dass sie entlassen werden können.

00:29:17: Aber die Eigenverantwortung bleibt bei der Patientin, die liegt nicht bei uns als behandelnden Team.

00:29:22: Wir stellen alle Ressourcen zur Verfügung, die wir haben, sowohl seitens des Sozialdienstes, aber auch des Pflege- und Erziehungsdienstes, des Psychologischen Dienstes.

00:29:30: Wir haben sogar ein Entlassungskoordinator, der von Tag eins an sich um die Verabreichung der Medikation kümmert.

00:29:37: Das ist ein gelernter Fachkrankenpfleger für Psychiatrie, der vierzig Jahre in dieser Klinik tätig ist.

00:29:44: Also das ist Gold wert.

00:29:47: Der spricht die Patientin sofort auf Medikation an und klärt über die Medikation auf, ist aber auch gleichzeitig unser Entlassungskordinator und fängt direkt an Wohnheime zu suchen.

00:29:57: Das heißt, wir ermöglichen den Patientinnen alles, wenn sie trotz größtmöglicher Bemühungen aller Berufsgruppen sage ich mal, die Kurven nicht kriegen und das Krankheitsverständnis nicht entwickeln können, auch kein Problembewusstsein entwickeln können, sich beispielsweise vielleicht auch nicht von Drogenkonsum distanzieren können.

00:30:17: Dann sind das Tatsachen, die können wir nicht aufbiegen und brechen ändern.

00:30:22: Das heißt, ich akzeptiere auch jede Patientin, die hier sitzt und sagt... Wenn ich ihn lassen werde, werde ich konsumieren.

00:30:30: Dann kann ich natürlich das siebte Mal vorbeten, dass das wahrscheinlich nicht die Klügseinschaltung ist, die man treffen könnte, weil das eben im Vorfeld auch häufig zu den Delikten führt.

00:30:41: Wenn die Patientin das nicht fühlt, dann fühlt die Patientin das nicht.

00:30:45: Ich sage mal, so gerade der Konsum von illegalen Drogen war für viele Patientinnen im Vorfeld auch persönlichkeitsstiftend.

00:30:51: Also sie waren dann, sag ich mal, als Beispiel auf der Kölner Platte, diejenige, die eben konsumiert hat, Teil des Stadtbildes war und identifizieren sich damit.

00:31:02: Da eine alternative Lebenswelt zu schaffen in sechs Monaten, die die Patientin akzeptieren kann, ist nicht immer einfach, muss man sagen.

00:31:11: Und wir sind über die ganze Behandlungsdauer ehrlich mit den Patienten und spiegeln auch immer wieder, an welchen Punkte in der Behandlung sind.

00:31:19: ob sie komplett hinsichtlich der Medikamenteneinnahme sind oder ob es da einfach schon deutliche Anzeichen für die fehlende Akzeptanz gibt, ob es eine Krankheitseinsicht gibt, ob die Krankheit auch verstanden wird, mit den Frühwarnsymptomen verstanden wird.

00:31:35: Es liegt... Nur ein Stück weit in unseren Händen.

00:31:38: Also wir arbeiten hier konzeptional wirklich so, dass wir eben sagen, wir wollen nicht mehr, dass die Forensik, sage ich mal so, die die Endstation ist, als sie immer so dargestellt wird.

00:31:51: Wir wollen einfach sinngebend sein und wir wollen auch einfach ein Ort des Neuanfangs sein.

00:31:56: Ob der Neuanfang letztlich hier ist oder eben wieder in der Lebenswelt draußen, die ein bisschen optimiert wurde, also wir nennen, sag ich mal, der sozialen Empfangsraum, ist dann quasi das Setting, in das die Patientin entlassen wird, wenn sie zum Beispiel auf Bewährung entlassen wird.

00:32:11: Den optimieren wir zusammen mit der Patientin.

00:32:14: Ich habe früher immer zu den Patientinnen gesagt, wir müssen den sozialen Empfangsraum einmal neu tapizieren.

00:32:20: Da fehlt gerade ein bisschen Anwalt.

00:32:22: Da müssen wir mal einfach gucken, welche Stellschrauben wir da eigentlich noch bewegen können, damit das besser wird.

00:32:28: Wenn die Patientin das aber nicht akzeptieren kann, dann kann ich das auch mittel- bis langfristig nicht ändern.

00:32:34: Schon gar nicht in sechs Monaten, weil man muss sagen, sechs Monate klingt vielleicht erst mal nach super viel Zeit.

00:32:40: Die gehen so schnell rum, so schnell kann man gar nicht gucken.

00:32:43: Zumal man auch bedenken muss, gerade bei chronifizierten Erkrankungen, dauert es etwas, bis die medikamentöse Behandlung anschlägt und das wahnhafte Erleben rückläufig wird und der Realitätsbezug wieder hergestellt werden kann.

00:32:57: Wenn das schon vier Monate in Anspruch nimmt und ich kann erst nach vier Monaten mit der Patientin anfangen, wirklich Tache das zu reden, dann habe ich noch zwei Monate Zeit.

00:33:07: Und das ist dann schon auch eine Hauruckaktion.

00:33:10: und man darf eben aber auch nicht vergessen, Die Gefährlichkeitsprognose muss man ja auch immer im Blick haben.

00:33:16: Die Patienten, die hier sind, wir haben auch viele Patienten, die sind wegen Bagatelldelikten hier, Verwahrlosungskriminalität, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

00:33:26: Wir haben hier jetzt keine Serientäterinnen.

00:33:29: Also es ist bei uns schon etwas anders hier in der Frauenforensik oder auf unserer Station nur mit Frauen.

00:33:36: In der Männerforensik sind da, was die Delikte anbelangt, andere Kaliber sage ich jetzt mal.

00:33:41: Hier kommen die Frauen manchmal für Dinge, wo ich denke, sind einfach viele Jahre durchs Raster gefallen.

00:33:47: In der Gemeinde Psychiatrie haben sie irgendwie nicht andocken können, da haben sie sich immer so durchgewohnt, haben aber oftmals auch gar nicht die Hilfe bekommen, die man ihnen hätte angedeihen lassen können.

00:33:57: Da muss man auch sagen.

00:33:59: Manchmal denke ich mir so, oh, come on, mit einem guten Bewo und einer vernünftigen Begleitung, einem pfiffigen rechtlichen Betreuer oder einer Betreuerin, wäre da hier alles vielleicht nicht so weit gekommen.

00:34:11: Ja, da muss man auch sagen.

00:34:13: Am Ende ein kleiner Ursprung und dadurch, dass man lange nicht drauf geschaut hat, ist die Flamme dann doch immer größer geworden.

00:34:18: Ja, definitiv.

00:34:19: Also man muss auch berücksichtigen.

00:34:21: Wir haben hier eine Altersstruktur bei den Patientinnen von fünfzehn Jahre.

00:34:25: Das war die jüngste Patientin, die ich jetzt hier in den dreieinhalb Jahren kennengelernt habe.

00:34:29: Die älteste war neunachtzig.

00:34:31: Also das ist auch eine weite Spanne und das bedeutet ja auch mit Blick auf Krankheitsbewusstsein, Behandlungseinsicht, Absprache, Fähigkeit sind wir hier einfach auch vom Entwicklungsstand der Person abhängig.

00:34:43: Also Flexibilität, Geduld ist hier schon auch wirklich naturgend und nie den Humor verlieren ist auch wichtig.

00:34:53: Wie ist denn eigentlich die Arbeit?

00:34:57: Unterscheidet sich ja, ob jemand jetzt gerade bei euch ist und auf die Gerichtsverhandlung wartet, die ersten sechs Monate oder ob jemand dann hinterher nach der Gerichtsverhandlung auf unbestimmte Zeit

00:35:06: wiederkommt.

00:35:08: Wie unterscheidet sich das in der Herangehensweise?

00:35:11: Bei den Patienten, die letzten Endes dann zum Verbleib hier verurteilt wurden, wo der Verbleib angeordnet wurde, ist es natürlich so, dass der Fokus dann auf der weiterführenden Therapie liegt.

00:35:22: Also dann geht es auch nochmal darum, in den Gesprächen aufzuschlüsseln, wieso ist es zu Unterbringungen gekommen?

00:35:29: Wo waren die negativen Punkte bei der Gefährlichkeitsprognose?

00:35:33: Warum konnte man die auch in den sechs Monaten nicht ändern?

00:35:37: Und dann ist auch ganz wichtig mit der Patientin, dass sie eben einen Ausblick bekommt, für die Zukunft, dass sie nicht die Angst haben, okay, ich bleibe die nächsten vierenhalb Jahre auf dieser Aufnahmestation.

00:35:46: Wir zu unserer Klinik gehören auch offengeführte Häuser, die forensisch sind.

00:35:51: Es gibt geschützte Häuser, die eben nicht so hochgesichert sind, wie hier bei uns im Haus.

00:35:55: Wir haben hier um unser Gelände einen riesigen, fünf Meter hohen Makrolonzauen.

00:36:01: So ein Zaun, der sieht aus wie eine riesige Glasscheibe.

00:36:04: Wir haben hier auch Häuser, die sind eben nicht so hochgesichert, wo dann eben auch Ausgänge möglich sind.

00:36:10: Auch hier im hochgesicherten Bereich sind schon Ausgänge möglich.

00:36:13: Also es ist wichtig, dass man mit den Patienten Ziele erarbeitet, die realistisch und greifbar sind.

00:36:19: Also die guten alten smarten Ziele, wir kennen sie alle, dass die Patienten einfach wissen, okay, ich bin jetzt hier forensisch untergebracht, aber das ist nicht mein Ende.

00:36:30: sondern ich werde mich jetzt darauf einlassen.

00:36:32: Und man muss sagen, dadurch, dass wir im Vorfeld von Tag eins schon die Beziehungsarbeit leisten und schon unsere Hand reichen und sagen, wir begleiten dich.

00:36:41: Im Bestfall endet es mit einer Entlassung aus dem Maßregelvollzug.

00:36:45: Wir bereiten aber gleichsam auch schon darauf vor, dass eine Unterbringung wahrscheinlich sein kann.

00:36:52: Sind die Patientinnen immer noch enttäuscht, wenn sie untergebracht werden?

00:36:56: Aber sie hatten schon das Bewusstsein dafür, dass das passieren könnte und dadurch, dass unsere Arbeit dahingehend sehr transparent gestaltet ist, ist, glaube ich, das Outkampf für die weitere Zusammenarbeit sehr viel zugewandter, auch seitens der Patienten, weil sie Nehmen uns nicht als Feindbild wahr.

00:37:16: Wir sind nicht diejenigen, die wollten, dass sie für immer hier bleiben und wir sind nicht diejenigen, die sie in Anzungsstrichen eingesperrt haben, sondern wir sind diejenigen, die eigentlich mit versucht haben, dass es zu einer Entlassung kommen könnte.

00:37:28: Und im Bestfall sehen die Patientinnen sogar die Eigenanteile, die dazu geführt haben.

00:37:32: dass es eben doch zu einer Unterbringung kam und das ist so eine Begegnung hier auf Augenhöhe und dadurch kann auch die die weiterführende Therapie ein bisschen auf Augenhöhe stattfinden und auch die weiteren Gespräche, die Perspektiventwicklung, dass man sagt, okay, was sind ihre Ziele?

00:37:48: Was möchten Sie?

00:37:49: Wie können wir jetzt schon in dem Setting darauf hinarbeiten?

00:37:53: Du ist jetzt gerade so fast in einem Nebensatz diesen Hochsicherheitsbereich erwähnt und diesen Zaun den ihr da drum herum habt.

00:37:59: Ich glaube, dass da viele Leute einfach gar keine Vorstellung davon haben, wie denn so ein Hochsicherheitsbereich überhaupt aussieht.

00:38:05: Jetzt nochmal in die Hollywood-Filme denke, da gibt es da nämlich Gummizellen, wo Leute eingesperrt werden und so kannst du uns einfach mal mitnehmen und sagen, wie das jetzt einfach aufgebaut ist bei euch.

00:38:17: Ja, also wir haben einen eigenen Campus, der ist relativ klein und dieser Campus hat gerade drei Gebäude hier quasi, die innerhalb dieses großen Zauns liegen, den ich eben erwähnt habe.

00:38:34: Und uns vorgeschlossen ist eine Forte mit Schleuse.

00:38:37: Also wenn man als Besucher hier reinkommt oder als Besucherin, dann wird man, muss man sich an der Forte vorstellen, sein Ausweis und sein Handy abgeben, dann wird man durch eine Schleuse- und Röntgenkontrolle geleitet.

00:38:50: Dann erklärt der Begleitungs- und Sicherheitsdienst einem nochmal kurz, wie die Gegebenheiten und die Geflogenheiten hier sind und dann kommt man auf den Campus.

00:38:58: Also nicht als normaler Besuchender im Sinne von angehörigen Besuch, sondern Kamst du jetzt als Besucher und ich sag okay, der Daniel kommt rein, dann wärst du hier im Campus und dann würden wir erstmal eine Straße hochlaufen, bis wir hier an dem Gebäude sind.

00:39:13: Und um unser Gebäude ist aber teilweise noch mal ein Zaun drum herum.

00:39:18: Also der Zaun im Zaun.

00:39:21: Das ist auch so was, wo ich immer denke, mein Gott, ich will so viele Zäune brauchen.

00:39:25: Wir haben noch einen, der ist fünf Meter hoch, brauchen wir noch drei?

00:39:28: Du machst halt auch Eindruck, ne?

00:39:29: Es ist schwierig zu ein Ort.

00:39:30: Wenn man das sieht, erstmal... positiv wahrzunehmen, als an Orte M helfen möchte?

00:39:34: Genau, vor allem weil wir wollen die größtmögliche Normalität auch hier im forensischen Setting für die Patientin und das ist, das Schöne an dem, Schöne, an dem Makrolohnzaun ist, da kann man durchgucken, der ist wie Glas.

00:39:47: Aber die anderen Zäune sieht man ja trotzdem, weil auch unser Garten ist eingezäunt, jetzt ist auch so ein Stück von unserem Vorgarten eingezäunt und... Die Patienten sehen schon jeden Tag, wo sie sind.

00:39:59: Da ist natürlich mit Normalität nichts zu vergleichen.

00:40:02: Und wenn du dann durch die Forte gekommen bist, da bist du durch mindestens fünf geschlossene Türen gegangen.

00:40:06: Und wenn du dann hier in das Gebäude F-Acht rein möchtest, dann gehst du durch viele weitere geschlossene Türen.

00:40:12: Erst kommst in den Hausflur, dann kannst du noch ... Gibt es noch einen Tür, dann bist du auf Station.

00:40:17: Die Kanzel, so wird das Pflegedienst immer hier genannt, hat auch nochmal zwei Türen und alles ist zu.

00:40:22: Und alles ist und muss immer gucken, dass die Töne, die wieder zugeht.

00:40:25: Man hört hier auch den ganzen Tag immer Türen, die zuschlagen und man hört immer die Schließanlage.

00:40:31: Das ist so das.

00:40:32: Die Geruch-Reusch-Kulisse, die einen hier begleitet, man blendet das irgendwann aus.

00:40:35: Aber so sieht das hier aus.

00:40:37: Der Schöne an unserer Station ist aber tatsächlich oder auch an unserer Fachabteilung, wir machen keinen Einschluss.

00:40:43: Also die Patientinnen haben alle ein Einzelzimmer und auch die Patienten unserer Verabteilung, die in anderen Häusern untergebracht sind.

00:40:50: Die Patiententüren sind immer auf.

00:40:52: Das heißt, die Patienten können sich auf der Station auf der Station bewegen.

00:40:56: Die Raucherräume sind auf, die Wohnzimmer sind auf, die Balkone sind auf.

00:41:00: Natürlich ist alles vergittert, so ist das nicht.

00:41:03: Wir haben ein großes Atrium.

00:41:05: quasi in der Mitte unserer Station.

00:41:07: Da halten sich die Frauen auch gerne miteinander auf, zusammen auf, sprechen miteinander.

00:41:13: Es läuft Musik, es wird getanzt, es wird gesungen, manchmal wird gepasstelt.

00:41:17: Unsere Speiseräume sind auch da vorne.

00:41:19: Die Patientinnen können sich hier auf der Station erst mal frei bewegen, aber eben nicht außerhalb.

00:41:25: In den Garten geht es dann begleitet, wobei die Patienten auch alleine den Garten dürfen, aber man muss halt immer wieder durch den Hausflur begleiten.

00:41:33: Man ist also als Patientin hier wirklich, vom Personal abhängig.

00:41:37: Das muss man einfach so sagen.

00:41:40: Ansonsten sieht das ja aber aus wie eine ganz normale psychiatrische Station.

00:41:45: Also ist auf unsere, ich sage mal, unsere hässlichen Türen.

00:41:49: Wir haben so große, einflussfähige Türen, die man halt auch so aus der JVA kennt mit Durchreiche und Sichtfenster und so.

00:41:56: Die brauchen wir auch, weil wir haben manchmal Patienten im Zimmerstatus.

00:42:00: Das heißt, die Patientinnen, die eine Reizabschirmung benötigen und gerade nicht gemeinschaftsfähig sind, die sind dann auch schon mal... Tage oder Stundenweise im Zimmer, bis so ein bisschen die Reizüberflutung wieder abgeklungen ist.

00:42:12: Und dann müssen wir halt immer sich Kontakt haben, ohne dass wir reingehen und in meinem Zimmer stehen.

00:42:16: Also es ist schon notwendig, optisch finde ich das fürchterlich.

00:42:21: Es ist eben forensik, also von daher, wenn die Türen nicht wehren, dann wäre das hier wie eine geschützte allgemein psychiatrische Station nichts

00:42:29: anderes.

00:42:29: Ja.

00:42:29: Vielleicht kann sich ja irgendwann irgendein Designer mal dran setzen, da schönere Türen entwickeln.

00:42:35: Bitte.

00:42:35: Also irgendwas, also, ja, aber ja.

00:42:39: Augen auf bei der Berufswahl, das ist ja das einzige Manko, die fiesen Türen.

00:42:44: Du hast vorhin schon über diesen sozialen Empfangsraum gesprochen.

00:42:47: Wenn jetzt jemand vier Jahre oder so bei euch war, diese Türen ständig gesehen hat und dann irgendwann rauskommt.

00:42:52: Es ist deine Aufgabe, auch da zu schauen, wie man diesen sozialen Empfangsraum so gestaltet, dass man da möglichst einfach wieder reinkommt ins Leben.

00:43:02: Woher weißt du denn, was eine Person eigentlich braucht?

00:43:05: Das ist ja jetzt auch von Patientin zu Patientin verschieden, je nachdem, was vielleicht vorher auch getriggert hat.

00:43:11: Definitiv.

00:43:12: Ich glaube, das ist so ein bisschen die Berufserfahrung, die man eben hat und auch die eigene Lebenserfahrung, die man hat.

00:43:18: Und das sind auch Entscheidungen, die ich nicht alleine treffe, sondern wir sind ein großes Team.

00:43:23: Das besteht aus Pflege- und Erziehungsdienst, die hier wirklich im Dreischichtsystem immer vor Ort sind.

00:43:28: Das besteht aus dem psychologischen Dienst.

00:43:30: Ich bin auch hier im Sozialdienst nicht allein.

00:43:32: Ich habe noch eine Kollegin, die Lena, die mit mir hier ist.

00:43:35: Dann haben wir den Kollegen, der schon vierzig Jahre Forensik und Psychiatrie auf dem Buckel hat, der auch mit in unserem kleinen Leitungsteam ist.

00:43:42: Wir arbeiten hier auch in einem Leitungsteam mit Stationsleitung, Psychologen, Entlassungskoordination, Sozialdienst.

00:43:50: Und in diesem Team stecken wir ab, gemeinsam mit dem Bezugspflegen auch, was braucht die Patienten eigentlich?

00:43:55: Also wo sind gerade die Defizite zu verorten?

00:43:58: Wo sind die Problematiken?

00:44:00: Und wir schauen uns auch die Vorbefunde an, die Gerichtsunterlagen an und gucken einfach, was, was hat denn dazu geführt, dass die Patientin sich verschlechtert hat und es zum Delikt gekommen ist?

00:44:10: Gab es da irgendwie ein Knackpunkt in der Biografie?

00:44:13: Ist da irgendwas passiert?

00:44:15: In welchem Alter ist da was passiert?

00:44:17: Und was braucht die Patientin jetzt, damit es nicht mehr so weit kommt?

00:44:21: Und das ist eben individuell, das ist eben auch von der Schwere der Erkrankung, der Chronifizierung der Erkrankung abhängig, aber auch von den kognitiven Fähigkeiten.

00:44:31: Also welches Funktionsniveau hat jemand?

00:44:35: Und dann kann man, es gibt zum Beispiel auch so Nachsorgestandards in der Forensik.

00:44:41: Ein Nachsorgestandard ist zum Beispiel die forensische Überleitung von Nachsorgeambulanzen.

00:44:46: Die Kollegen und Kolleginnen haben eben wirklich den Schwerpunkt, auf der Begleitung im häuslichen Umfeld letzten Endes.

00:44:55: Aber es ist sehr vielfältig.

00:44:56: Also, das ist ja so, dass wenn die Patientinnen auf Bewährungen lassen werden oder in Dauerurlaub gehen, Dauerurlaub, fand ich, als ich angefangen habe, ist ein sperriges Wort, Dauerurlaub klingt total romantisch, aber einfach nur sie sind.

00:45:11: Weiter forensische Patienten und Patientinnen aber leben schon in einem häuslichen Umfeld und werden in diesem Umfeld weiter begleitet, bis quasi die Führungsaufsicht endet.

00:45:23: Führungsaussicht ist wie ja Bewährungsaussicht.

00:45:26: Und da muss man einfach gucken, was die Patienten draußen brauchen.

00:45:30: Von ambulant begleiteten Wohnen oder einer Wohngruppe mit einem speziellen Schwerpunkt über ambulante psychiatrische Anbindung, Psychotherapie, Selbsthilfegruppe, Drogenberatung, also die ganze Palette, die man sich so im Bereich der sozialen Arbeit vorstellen kann.

00:45:47: Ja.

00:45:48: Wie häufig denkst du in deiner Freizeit über deine Arbeit nach?

00:45:52: Das ist von meiner eigenen Tagesform abhängig, würde ich sagen.

00:45:55: Also ich habe eigentlich ein Agreement mit mir selber.

00:45:59: Also ich wohne vierzig Kilometer entfernt von der Klinik und ich fahre mit dem Auto, weil wir sind hier auch sehr ländlich.

00:46:04: Und mein Credo ist eigentlich, wenn ich das Ortsausgangsschild hier erreiche, dann höre ich auf nachzudenken.

00:46:11: Bis dahin habe ich Zeit nachzudenken.

00:46:13: Das sind vielleicht noch fünf Minuten bis zu diesem Schild.

00:46:16: Und dann sollte der Tag für mich vorbei sein.

00:46:18: Das klappt aber auch nicht immer, je nachdem.

00:46:22: wie der Tag hier gelaufen ist, mit welchen Fällen man sich beschäftigt hat.

00:46:26: Wir lesen auch viele vorbefundene Urteile, Gutachten.

00:46:31: Da stehen nicht immer leicht verdauliche Dinge drin, auch nicht und gerade nicht mit Blick auf die Vergangenheit der Patientinnen, sodass es dann doch punktuell auch schon mal schwerfallen kann, sich davon auch in seiner Freizeit distanzieren, also gerade wenn es um Pädophilie geht und der Umgang damit.

00:46:49: Das ist was, das hängt mir auch manchmal dann noch nach.

00:46:52: Da sind dann eher Vorkommnisse auch hier im Stationsalltag, also man kann nicht von der Hand weisen, dass es hier auch zu Übergriffen kommt.

00:47:00: Natürlich kommt es hier auch zu Übergriffen und manchmal werden auch Kollegen und Kolleginnen verletzt.

00:47:06: Das sind dann schon eher, sag ich mal, Situationen, die mir nahegehen und wo ich dann auch einfach privat noch mal einen kleinen Spaziergang brauche, um dann ein bisschen Sacken zu lassen.

00:47:19: Ja, ja.

00:47:20: Ich habe die Hundert- und Achtzig-Grad-Frage für dich noch.

00:47:22: Wie viel lachst du mit Patientinnen?

00:47:24: Viel, sehr viel, denn Humor ist super wichtig.

00:47:29: Also für mich, das ist so mein Selbstverständnis von der Arbeit, ist einfach so ein bisschen Leichtigkeit.

00:47:37: Natürlich kann ich mich hier hinsetzen mit den Patienten und wir können all das Schlechte durchsprechen.

00:47:41: Lass uns nochmal über das Schlechte und nochmal über das Schlechte.

00:47:43: Man kann aber auch einfach die Dinge mit ein bisschen Humor anders ansprechen und dann kommt das nicht so schwer für sich daher.

00:47:51: Und ich glaube, Humor ist für mein Empfinden und für mein Selbstverständnis von sozialer Arbeit.

00:47:58: fast der wichtigste Punkt, wirklich.

00:48:01: Und ich spreche jetzt nicht über Ironie und Sarkasmus, sondern einfach ein Miteinander, in dem Humor viel Raum hat.

00:48:07: Die Patienten haben genug gelitten, bevor sie zu uns gekommen sind.

00:48:10: Im letzten Endes haben sie das Wichtigste verloren, was sie noch hatten, ihre Freiheit.

00:48:14: Ja, und sitzen hier und sind ganz salopp gesagt gebrochen.

00:48:20: Wirklich gebrochen.

00:48:21: Und ich glaube, da darf man sie auch mal ein bisschen Leichtigkeit abholen und einfach sagen, hey.

00:48:26: Komm erst mal an.

00:48:27: Und manchmal haben die Patienten auch einfach Bock auf ein bisschen Schabernack.

00:48:30: Und warum?

00:48:32: Also,

00:48:34: ja.

00:48:34: Ja, das zeigt ja auch, wie ein Leben und ein Umgang sein kann.

00:48:38: Und vielleicht kann das ja dann auch ein Ziel sein, so weiterzumachen.

00:48:42: Also, das halt positiv vorzuleben, das ist glaube ich ein ganz... Das ist ein großer Punkt.

00:48:45: Vanessa, ich möchte mit dir noch einmal über diese Begriffe schuldunfähig und verminderte Schuldfähigkeit sprechen.

00:48:50: Wir haben vorhin schon mal drüber gesprochen, ganz kurz.

00:48:54: Aber es geht in diesem Podcast natürlich auch darum, dass diejenigen, die ihr zuhören und mit psychischen Erkrankungen vielleicht wenig Kontakt haben bisher in ihrem Leben, dass sie sich mehr darunter vorstellen können, was da eigentlich passiert.

00:49:06: Wie erklärst du diesen Zustand, dass jemand da nur Beifahrer im eigenen Körper ist?

00:49:11: Also wenn wir als Grundlage die Erkrankung der Paranoidenschizophrenie nehmen, dann ist es als Beispiel so, dass die Patientin Menschen sehen, die nicht da sind oder aber auch Menschen, die in der Realität da sind, wahnhaft erkennen.

00:49:24: Das heißt, sie erkennen den Menschen nicht als die fremde Person, die es eigentlich ist, sondern als Wesen, als Reptilienmenschen, als Dämon oder ähnliches.

00:49:36: Fühlen sich bedroht, fühlen sich verfolgt und Eigentlich wollen sie sich in den meisten Fällen nur verteidigen.

00:49:44: Und dann kommt es aber eben zu übergriffen, sowohl verbal als auch körperlich.

00:49:50: Und das ist dann eben ganz klassisch.

00:49:53: Und ich glaube daran kann man es auch am besten nachvollziehen, dass man sagt, okay, da ist die Erkrankung im Vordergrund.

00:49:59: Die Erkrankung geht mit dem psychotischen Erleben einher.

00:50:02: Das führt dazu, dass jemand wahrhaft verkannt wurde.

00:50:07: Dadurch wird das wahnhafte Erleben auch handlungsleitend.

00:50:12: Da ist nicht mehr die Möglichkeit für die betroffene Person, den Realitätsbezug herzustellen und zu sagen, okay, ich habe mal gelernt, Reptilienmenschen existieren nicht.

00:50:23: Also, ich glaube, meine Erkrankung ist gerade wieder in den Vordergrund getreten und ich gehe jetzt mal schön los und suche mir Hilfe, sondern da ist eigentlich nur noch das Erleben von.

00:50:32: dieser Reptilienmensch will mich angreifen und er beobachtet mich schon die ganze Zeit.

00:50:36: Und bevor der mich jetzt umbringt, ergreif ich die Initiative.

00:50:41: Also ich finde daran, kann man es glaube ich ganz gut erklären, weil man glaube ich auch in jeder Stadt Menschen oder auch Menschen das Stadtbild prägen, die unter einer Paranöne Schizophrenie leiden und zum Beispiel einfach in der Fußgängerzone laut schreien oder mit sich selber sprechen.

00:50:57: Also da darf man sich einfach auch immer sagen, ja okay, da ist... Gerade jemand ist in seiner eigenen Lebenswelt.

00:51:04: Das heißt aber nicht, dass jeder, der unterwahnhaften der Leben leidet, auch Täter oder Täterin wird und wirklich angreift.

00:51:11: Das muss man sich auch noch mal bewusst machen.

00:51:13: Also keine Angst vor den Menschen.

00:51:15: Es besteht ja auch immer so die landläufige Meinung.

00:51:18: Alle gemeingefährlichen davon.

00:51:19: Alle gemeingefährlich?

00:51:20: Nee, sind nicht.

00:51:22: Was erwiderst du, wenn jemand mit einem solchen Vorurteil auf dich zukommt?

00:51:26: Das Problem daran ist ja immer, alle gemeingefährlich ist ein Satz, der sehr schnell gesagt ist und super verallgemeinert.

00:51:33: Und letztendlich ist die Realität ja einfach sehr differenziert und sehr kleinteilig.

00:51:39: Und dann darauf zu antworten, ist ja häufig gar nicht so einfach.

00:51:43: Da hilft nur Aufklärungsarbeit.

00:51:45: Also wirklich ein Bewusstsein schaffen für die psychischen Erkrankungen, mit welchen Besonderheiten diese Erkrankungen hergehen, was das bedeutet.

00:51:52: Dann empfehle ich immer gute Filme, der, ich weiß nicht, das weiße Rauschen mit Daniel Brühl war einer der ersten Filme, die ich gesehen habe, wo es um eine paranoidische Zophronie geht.

00:52:01: Und er spielt da einen jungen Mann, der sich verliebt und weil er verliebt ist, wird er psychotisch, weil er einfach mit diesen positiven Gefühlen so überfordert ist und das sofort dieses wahnhafte Erleben anträgert.

00:52:13: Und, was ich auch immer gerne sage, ist, na ja, dann dank mal, weiß ich nicht, dem lieben Gott oder an wen auch immer du glauben magst, dass du gesund auf die Welt gekommen bist.

00:52:21: Denn diese Menschen mit den Erkrankungen haben sich diese Erkrankungen nicht ausgesucht, sondern haben mit der Veranlagung auf die Welt.

00:52:28: Irgendwann ist die Erkrankheit ausgebrochen und die müssen jetzt damit leben.

00:52:32: Also sage ich auch mal im Gegenüber, stell dir vor, du würdest dich immer bedroht und verfolgt fühlen.

00:52:37: Was ist denn das für ein bescheidenes Gefühl den ganzen Tag?

00:52:40: Nicht in dieser Freiheit und Leichtigkeit zu leben wie andere, sondern eigentlich immer innerhalb Achtstellungen zu sein und auch oftmals nicht mehr Teil der Gesellschaft zu sein, weil man eben die Leistungsfähigkeit nicht mehr hat durch die Erkrankung.

00:52:55: Und einfach auch durch das vielleicht etwas... Ja.

00:52:59: Alternative Sozialverhalten gar keinen Anschluss mehr findet.

00:53:03: Ganz abgesehen davon, dass die Menschen meistens in Armut leben müssen, weil sie es auch nicht mehr schaffen, zum Beispiel Bürgergeld zu beantragen, weil es alles viel zu hochschwellig ist und wenn da keine vernünftige Begleitung mit im Spiel ist, dann werden Leistungen eingestellt.

00:53:19: Das sind alles so Sachen, für die ich dann einfach nochmal das Bewusstsein schaffen möchte.

00:53:23: Dass die Menschen einfach wem auch immer dafür danken, dass sie gesund sind und daran denken, dass die Menschen die vielleicht auch im Rahmen einer psychischen Erkrankung straffällig werden, das nicht mit Absicht machen.

00:53:36: Also da ist niemand dabei.

00:53:37: Deswegen sagt man ja, handlungsleitend ist dann die Erkrankung nicht mehr der freie Wille.

00:53:43: Es ist nicht so, dass die Patientin dann das Delikt planen.

00:53:47: Natürlich, das gibt es auch.

00:53:49: Natürlich, das kann auch verschwimmen.

00:53:51: Ich glaube, das ist auch juristisch ein breites Feld.

00:53:54: Ich bin in dem Bereich ja auch nur Laien als Sozialarbeiterin.

00:53:57: Aber dafür möchte ich einfach das Bewusstsein schaffen.

00:54:01: Ist ja auch nicht so, wenn du mit einem entzündeten Blinddarm ins Krankenhaus kommst, dann akzeptieren hat ja auch alle, du kriegst nette Genesungswünsche und keiner sagt aber zu dir, da warst du selber schuld.

00:54:11: Also

00:54:12: hast du wieder nicht genug geschlafen und bestimmt keiner ob es geraucht.

00:54:16: Kommt ja auch keiner drauf.

00:54:17: Aber wenn du eine psychose hast oder eine emotionalen Instabilität, dann ist direkt du hast nicht gut auf dich aufgepasst.

00:54:25: Genau, so gibt es ja auch das Vorurteil, dass jetzt in der forensischen Psychiatrie zu einem ganz großen Teil Menschen landen, die aus sehr prekären Verhältnissen kommen.

00:54:36: Ist das so?

00:54:38: Nicht nur, nein.

00:54:39: Also, ja, ein Großteil der Patientinnen und Patienten kommt aus prekären Lebenswelten bei Weibem, aber nicht alle.

00:54:44: Also, ich hab hier schon mit Patientinnen zusammengearbeitet.

00:54:48: Die kam aus intakten Familien, die haben im Vorfeld studiert, die waren berufstätig, die standen wirklich mit beiden Beinen im Leben und haben versuchsweise ihre Medikation abgesetzt, weil sie gesagt haben, ich nehm mir jetzt zwanzig Jahre, ich will jetzt auch mal nicht mehr, ne?

00:55:04: was auch einfach menschlich nachvollziehbar ist.

00:55:07: oder die vielleicht von ihrem Ehemann verlassen worden sind und durch diesen emotionalen Stress eben zum Beispiel die Psychose aufgeflammt ist, die dann sorgerecht verloren haben, Kindskontakte nicht mehr durchgeführt werden konnten.

00:55:22: Diese Patientin gehen, wenn die Symptomatik der Erkrankung verschwunden ist oder ein Niveau erreicht hat, dass man sagen kann, okay, da ist vielleicht noch wahnhaftes Erleben, aber die Patientin ist in der Lage, da von einer anderen Ebene drauf zu blicken und das auch als wahnhaftes Erleben zu differenzieren.

00:55:38: Dann gehen die in Lebenswelten und Settings zurück, die wahrscheinlich unsernicht unehnlich sind, nämlich zurück zu ihren Männern, zu ihren Familien, zu ihren Kindern oder wieder in die eigene Wohnung.

00:55:49: und perspektivisch auch zurück in den Beruf.

00:55:51: Ja, und was wir vorhin natürlich auch schon hatten, es kann natürlich auch sein, dass die prekären Lebensverhältnisse einfach schon auch Teil der Folge dieser psychischen Erkrankung sind und dass man das deswegen gar nicht in Verbindung setzen darf, dass die prekären Verhältnisse dafür verantwortlich sind, sondern eher andersrum.

00:56:10: Vanessa, das war wirklich spannend, was du hier alles erzählt hast.

00:56:12: Ich möchte jetzt zum Schluss mit was enden, was wir bisher auch noch nicht hatten in diesem Podcast, einen Besuchstipp.

00:56:18: Es gibt ein Museum bei euch im Bettburg-Hau, in dem über die Rolle der reinischen Kliniken historisch berichtet wird und wo man sich viel auch mit psychischen Krankheiten beschäftigen kann.

00:56:29: Warum lohnt es sich dahin zu gehen?

00:56:31: Weil das Klinikgelände hier eigentlich wunderschön ist, nicht nur eigentlich, es ist wunderschön.

00:56:36: Und in diesem Museum wird auch noch mal die Rolle der reinischen Kliniken, so wie sie damals noch hießen, auch zur Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet.

00:56:47: Und damals wurden eben auch aus dieser Klinik zahlreiche Menschen deportiert und letzten Endes getötet von den Nazis.

00:56:55: Und ich finde, das ist so ein Ort der Awareness, also das Bewusstseins dafür, was mal war und dass wir uns aber auch vor Augen halten, gerade vor dem aktuellen politischen Diskurs, dass so was jederzeit wieder passieren kann und dass wir das eben nicht wollen.

00:57:10: Und da geht es einfach auch nochmal darum, psychische Erkrankung und auch Intelligenzminderung, all die Störungsbilder eben auch, als Lebenswelt zu akzeptieren.

00:57:22: die der Normalität genauso entspricht wie jede andere eben auch.

00:57:26: Genau, deswegen lohnt sich das.

00:57:27: Und da sind auch noch, also ich war da vor zwanzig Jahren drin, ich war da seit zwanzig Jahren schon, ich war da als Schülerin drin, aber da kann man sich noch angucken, wie damals die Wachseele ausgesehen haben, also die Psychiatrie eigentlich auch mal ausgesehen hat.

00:57:39: Psychiatrie hat ja auch einen sehr langen Werdegang hinter sich mit sehr viel Novellierung und der Enquetz und ... Es hat schon, glaube ich, Momente in der Psychiatrie gegeben, die auch Menschen unwürdig waren.

00:57:52: Das muss man einfach so sagen.

00:57:54: Und dieses Museum arbeitet das eben mit einem ganz wachen Bewusstsein auf und sagt auch ganz klar, da wollen wir nie wieder hin.

00:58:02: Psychiatrie ist bunt.

00:58:03: Die Forensik ist bunt.

00:58:04: Das ist einer der Sätze, die ich hier als erstes gehört habe, als ich angefangen habe.

00:58:07: Unser Pflegedienstleiter sagt, die Forensik, die Psychiatrie ist bunt.

00:58:11: Ja, wir stehen für Vielfalt, wir stehen für Menschen, für Akzeptanz, für Toleranz und das wird in dem Museum auch nochmal deutlich, vor allem, wenn man dann den Direkten vergleicht hat.

00:58:21: Das ist die allerschönste Botschaft.

00:58:23: Also, wer sich wirklich für den Bereich interessiert, die LVR-Klinik Bedburg-Hau ist ein Besuch wert.

00:58:28: Vanessa, zum Schluss.

00:58:29: Unser Podcast hat ja auch das Motto sinnvoll in jeder Beziehung.

00:58:32: Wie würdest du diesen Satz definieren für dich?

00:58:37: Die Arbeit mit Menschen ist immer sinnvoll.

00:58:39: mit Menschen aus allen Lebenswerten, Lebenswelten, aus allen Lebenssituationen.

00:58:44: Und ich würde sagen, Forensik ist auch ein sinngebender Ort.

00:58:49: So würde ich sinnvoll quasi interpretieren, dass man sagt, die Forensik ist nicht das Ende eines Lebensweges, sondern es kann auch neu anfangen sein, egal in welche Richtung es geht.

00:58:59: Und die Forensik kann und soll ein sinnstiftender Ort sein.

00:59:02: So würde ich das interpretieren.

00:59:05: Vielen, vielen Dank dir für die ganzen Einblicke.

00:59:07: fernab von irgendwelchen fiktionalen Drehbüchern.

00:59:10: Haben wir durch dich hier in Seelenarbeit Einblicke in die Realität einfach bekommen.

00:59:13: Ich kann mir vorstellen, dass jeder, der bis jetzt dran geblieben ist, gerade das Gefühl hat, ich weiß jetzt mehr als vorher und genauso soll es sein.

00:59:19: Ein Aspekt, der für mich ganz besonders hingeblieben ist, das ist die Tatsache, dass du... dass du die Menschen nach vorne stellst.

00:59:26: Ich blick jetzt nur von außen drauf, aber wenn wir zu diesem Thema Hoffnung zurückkommen, dann ist jemand, der mit Offenheit, mit Zuversicht und ganz viel Lachen den Menschen gegenüber tritt.

00:59:36: Das vermute ich ein ganz großer Teil des Behandlungserfolgers und insofern danke ich dir einfach mal für deine Arbeit.

00:59:42: Ja, sehr gerne.

00:59:42: Ich bedanke mich für die Einladung.

00:59:44: Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich war ein bisschen aufregend im Vorfeld, aber relativ schnell verflogend.

00:59:50: Sehr gut, so soll es sein.

00:59:52: Ich freue mich natürlich, wenn die Menschen dann auch einen realistischen Einblick in die Forensik haben und stehen immer für Rückfragen zur Verfügung.

01:00:00: Wir haben heute ganz wertvolle und unverschälte Einblicke bekommen in die forensische Psychiatrie.

01:00:05: Auch das ist ein Teil des Psychiatrie.

01:00:08: Alltag ist aus dem LVR-Klinik verbunden.

01:00:10: Aber dieser Alltag umfasst natürlich noch viele, viele ... Weitere Themen.

01:00:14: Die nächste Folge Seelenarbeit kommt in vier Wochen.

01:00:16: Bis dahin habt ihr natürlich ein bisschen Zeit, unsere anderen Folgen noch mal nachzuhören.

01:00:20: Zum Beispiel die letzte Folge zum Thema Ausbildung.

01:00:23: Wie funktioniert eigentlich der Weg in die psychiatrische Pflege?

01:00:26: Und warum ist es dafür nie zu spät?

01:00:29: Hört gerne mal rein, findet ihr überall dort, wo es Podcast gibt.

01:00:33: Und damit ihr keine Folge mehr verpasst, abonniert ihr Seelenarbeit am besten bei eurem Lieblings-Podcast-Anbieter.

01:00:39: Und folgt dem LVR auf den Socials bis in vier Wochen.

01:00:42: Daniel Schwenke, euer machts gut.

01:00:43: Tschüss.

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